grimmblog

was markus grimm bewegt

Re- und Inkarnation

Weihnachten. Was feiern wir an Weihnachten? Die Menschwerdung Gottes, seine Inkarnation.

Das klingt so nach „Reinkarnation“, nicht wahr. Deshalb erst mal dazu ein paar Gedanken.

Reinkarnation. Was ist das?

Es gibt eine landläufige Auffassung, verschiedene theologische Auffassungen und meine Erfahrung.

Landläufig: Ich werde wiedergeboren. Aber wer oder was genau ist das? Da wird es dann schnell haarig. Denn „ich“, das bezeichnet wohl denjenigen, der den Gedanken gerade denkt. Aber der Körper, in dessen Gehirn der Gedanke statt hat, wird nach dieser Auffassung freilich nicht wiedergeboren. Was also dann? Das Subjekt meiner Biographie? Aber meine Biographie ist unmittelbar an meinen Körper geknüpft, ohne den Körper gibt es meine Biographie nicht, am eigenen Leib hab ich sie erlebt. In dieser landläufigen Ausprägung ist das Konzept der Reinkarnation offensichtlich höchst angreifbar und wird deshalb, etwa christlicherseits, sofort verworfen. Zudem steckt in christlichen Köpfen die Vorstellung von der Selbsterlösung als einer unersprießlichen, gar anmaßenden Angelegenheit. Im Rad der Reinkarnationen müsse man sich ja aus eigener Kraft durch Fortentwicklung erlösen, sündig wie man ist – ein Glück gebe es da für Christen den gnädigen Gott, der einem diese Arbeit dankenswerterweise abnimmt. Eine ziemlich unreife Vorstellung, denn um die Fortentwicklung vom Säugling zum Erwachsenen sollte man sich lieber auch nicht drücken, auch wenn sie natürlich mit Anstrengung zu tun hat. Aber wem überfürsorgliche Eltern diese unverzichtbare Arbeit abnehmen, dem gnade Gott, wenn ich mal diese Pointe machen darf.

Theologisch: Wiedergeboren wird – je nach Religion – eine Art Wesenskern oder Personkern oder Seelenfunke, in dem sich das, was die Person im Innersten ausmacht, verdichtet. Dieser Kern oder Funke setzt dann im neuen Körper seine eigene Geschichte fort und entfaltet sie aufs Neue unter neuen Bedingungen in einen neuen Körper mit neuer Biographie, neuem Bewusstsein usw. Der Kern ist dann auch der Träger des Karma, das sich von Wiedergeburt zu Wiedergeburt fortsetzt, bis es aufgelöst ist. Deshalb gibt es, obwohl vom individuellen Bewusstsein fast nichts und vom individuellen Körper noch weniger übrig bleibt, doch eine gewisse Kontinuität. Obwohl mir diese Auffassung (ausgefaltet etwa im tibetischen Buddhismus) sehr gut gefällt, bin ich trotzdem im Zweifel. Sie klingt mir immer noch zu sehr nach individueller Fortexistenz. Meine eigenen Erfahrungen lassen mich etwas andere Schlüsse ziehen.

Meiner Erfahrung nach ist Reinkarnation kein individueller Vorgang. Denn, genau hingeschaut, gibt es keine „In-dividuen“. Wir sind keinesfalls „un-teilbar“. Gleichzeitig sind wir von nichts und niemandem getrennt, auch wenn wir unter eben diesem Eindruck noch so sehr leiden mögen. Das, was wir für unsere jeweilige Individualität halten, ist Ergebnis eines Zusammenspiels von verschiedenen Elementen. Und jetzt wird es schwer, die richtigen Worte zu finden, weil sie alle zu sehr in irgendwelche Richtungen klingen. Vielleicht so: Ich habe am eigenen Leib erlebt, dass es bestimmte Themen oder Geschichten oder Elemente in mir gibt, die älter sind als ich. Gleichwohl finde ich sie innerhalb meiner Biographie vor, und zwar von ihr geprägt, sie sehen also auf den ersten Blick biographisch aus, können deshalb zum Teil auch psychologisch erklärt oder therapiert werden. Sie sind aber zugleich überindividuell, sie entstammen nicht nur meiner Biographie, sie lassen sich nicht einzig darauf zurückführen. Es sind Erfahrungen, die von anderen Menschen gemacht wurden. Beispiel: Meine eigene biographische Erfahrung, von der Mutter nur ungenügend geliebt worden zu sein, hat Resonanz in meiner frühkindlichen Biographie; aber zugleich und tiefer ist sie Verlängerung des frühkindlichen Ungeliebtseins meiner Mutter. Und weiter: des frühkindlichen Verlassenseins eines mir unbekannten Kriegskindes. Und noch weiter: des Verlassenseins überhaupt. Das Biographische existiert also, es ist aber nur die Oberfläche, unter der noch zahllose weitere Geschichten schlummern. Das ist keine Theorie, sondern in bestimmten nicht-alltäglichen Bewusstseinzuständen erfahrbar.

In aller Regel handelt es sich dabei um Erfahrungen, die nicht zu einem natürlichen Ende gekommen sind. Was soll das heißen? Die Gestaltpsychologie spricht von offenen Gestalten. Das sind Geschichten, Themen, die ihrer Lösung harren, die in einem Konflikt stecken geblieben sind, gelähmt, blockiert, und die entsprechend mich blockieren. Wenn es gelingt, die Gestalt zu runden, dann kann die darin gebannte Energie wieder fließen. Das berührt nun Wilhelm Reichs Körpertheorie und vor allem auch: schamanische Trancearbeit.

Solche Gestaltrundung geschieht aber nicht automatisch, etwa mit dem Lebensende. Trotzdem hat die Natur einen unwiderstehlichen Drang zur vollendeten Gestalt. Das ist gar nichts Metaphysisches, sondern ein vollkommen natürlicher und ganz einfacher Vorgang. Das Heilen einer Wunde ist ein schönes Beispiel dafür. Die offenen Themen lösen sich deshalb nicht einfach in Luft auf, auch wenn jeder das gern hätte. Jeder hätte gern, dass Traumata mit dem Exitus enden. Aber das tun sie nicht. Sie kommen wieder und suchen sich neue Gelegenheiten, neue Körper, neue Biographien, um endlich rund zu werden. Das fühlt sich dann für die einzelne Person mitunter so an, als sei sie ein wiedergeborener Mensch aus einer früheren Zeit, aber genau betrachtet stimmt das nicht. Denn nicht der Mensch wird wiedergeboren, sondern die offenen Teile seiner Geschichte, seines Bewusstseins, seine Krisen, seine Traumata. Und die werden nicht unbedingt wiedergeboren in einer einzelnen Person.

Es liegt in der Natur der Sache, dass gerade problematische Bewusstseinsinhalte zur Reinkarnation drängen, denn sie verlangen nach Lösung.

(Exkurs: Ich bin fest davon überzeugt, dass auch solche Phänomene, die man früher als Wiedergängertum gefürchtet, dann abgetan hat, und neuerdings wieder interessant findet – dass auch solche Phänomene nichts anderes sind als offene Gestalten, unabgeschlossene Biographien. Auch der Schamane findet sich Geistern gegenüber, denen er helfen muss.)

Ein anderes Wort für solche offenen Gestalten, die sich neue Verwirklichung suchen, ist: Karma. Und ein anderes Wort für Gestaltwerdung ist: Inkarnation.

Und jetzt wird es langsam interessant. Denn ich glaube tatsächlich, dass wir es im Grund im Kosmos mit relativ wenigen grundlegenden Abläufen zu tun haben, möglicherweise sogar nur mit einem grundlegenden, nämlich eben: Gestaltwerdung oder Inkarnation.

Was will das sagen? Das kosmische Leben, alles Leben, jedes Leben ist Gestaltwerdung, und zwar in jedem einzelnen Augenblick zilliarden Mal zilliardenfach. Man muss sich nur umschauen, dann ahnt man es. Alles drängt in Formen. Aber keine Form ist je stabil, genau genommen gibt es keine „Formen“, alles ist nur Durchgang. Wie eine Blume keimt, wächst, blüht und welkt. In einer Zeitrafferaufnahme wird es ganz deutlich. Oder die Wolken, nirgends, nie eine stabile Form. Aber in jedem Augenblick myriadenfache Gestaltwerdung.

Wer oder was wird Gestalt? Gott, das Leben, die Wahrheit, der Kosmos, die Wirklichkeit, die Leere, die Matrix, Brahman – es gibt zahllose Namen in zahllosen Religionen. Aber gemeint ist immer dasselbe. Christlicherseits: Gott Vater inkarniert sich – worein? Freilich, in Jesus. Das ist das Verhältnis von Kosmos zu Logos. Aber das ist nicht die einzige Inkarnation, beileibe nicht. Die ganze Schöpfung ist aus ihm ausgeflossen, neuplatonisch: emaniert. Sie ist als Ganze seine Inkarnation. Und Jesus ist darunter eine menschliche Gestalt. Nichts ist außer Gott. Deshalb ist Jesus ganz natürlicherweise zugleich Mensch und Gott, Geschöpf und Schöpfer, Atman und Brahman, Form und Leere. Nicht anders als alles und jedes andere. Nicht anders als du.

Und genau das ist der Grund, warum Weihnachten kein historisches Fest ist, das Fest einer historischen Geburt an einem historischen Ort. (Es ist ja auch kein historisches Datum, sondern das Fest der Wintersonnenwende, und die Stadt Davids ist auch kein historischer Ort). Weihnachten ist das Fest unseres wahren Wesens, von nichts anderem. Weihnachten bringt in mythologischen und quasi-mythologischen Bildern in unser Bewusstsein, dass wir selbst, wir selbst, der inkarnierte Gott sind.

Und jetzt nochmal zurück zur Reinkarnation. Das Leben in seinen abertausend Facetten wird in unseren sich stets wandelnden Formen immer wieder Gestalt, unabhängig von irgendwelchen körperlichen, historischen, psychologischen Begrenzungen, die nur in unserem Alltagsbewusstsein bestehen. In diesem Fluss stehen wir – ohne zu stehen. Wir sind der Fluss.

8 Antworten zu “Re- und Inkarnation”

  1. inge sagte

    Ein Dividuum ist ein geteiltes. Ein In-Dividuum wird von manchen auch mit „unteilbar zwei“ interpretiert.

  2. Markus sagte

    Hallo Inge! Aber wieso unteilbar ZWEI, wo kommt denn die Zweiheit her? Die steckt doch in der Idee vom Individuum eigentlich grade NICHT drin, oder?

  3. inge sagte

    Die Zweiheit kommt daher, dass „man“ als Individuum mit „sich selbst“ zu tun hat. Es sind also irgendwie zwei, eben „man“ und „selbst“.

    Gelesen habe ich das bei Peter Sloterdijk:
    „Nach meiner Definition gibt es ohnehin keine Individuen, es gibt lediglich Dividuen, das heisst Teile von Paaren beziehungsweise von Haushalten, wobei ein Alleinlebender in der Regel ein Individuum ist, das durch geeignetes Training gelernt hat, mit sich selbst ein Paar – oder einen Haushalt – zu bilden.“

    Ich gebe zu, dass mir diese Definition nicht komplett einleuchtet, aber ich finde es eine interessante Sichtweise.
    - Vielleicht passt Zerissenheit besser?

  4. Markus sagte

    Ja, das finde ich auch nicht recht überzeugend, das ist mir zu philosophistisch. Das hat aber dem Herrn Sloterdijk sicher Spaß gemacht.

    Zerrissenheit – ja. Aber das hat nun nichts mehr mit In-Dividualität zu tun. Oder doch? Vielleicht so: Zerrissenheit ist das zermürbende Empfinden von Trennungen, wo gar keine sind.

  5. beisasse sagte

    was?! es hört nicht mit dem exitus auf?! warum bloss nicht? – okay, ich befürchte das doch auch. aber ich finde das doof. ganz ganz doof.

    eine andere frage ist für mich noch: wie wird die die gestalt „rund“? wie „vollendet“ sie sich? wie kann ich meine biographie „ausklingen“ lassen?

  6. Markus sagte

    @ Beisasse

    Wie die Gestalt rund wird, ist, glaub ich, schwer theoretisch zu beantworten. Wenn sie rund ist, weiß man es einfach. Wie es einem manchmal bei irgendwelchen Tätigkeiten geschieht, dass man mit einem Mal weiß, jetzt ist es richtig, stimmig.

    Doch was heißt: die Biographie ausklingen lassen?

    Ich übrigens bin freudig erregt, dass es mit dem Exitus nicht vorbei ist. Es wird superspannend werden!

  7. beisasse sagte

    die poetik des aristoteles beginnt doch so, da sagt er über die tragödie: es gibt einen anfang, eine mitte und ein ende. wer hätte das gedacht :-)

    ich hätte gern irgendwie ein schönes ende für meine biographie. wenn kein „happy end“ vielleicht irgendwas anderes stimmiges?

  8. Markus sagte

    Jaha, ein schönes Ende! Was wäre das, schön? Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

Eine Antwort schreiben

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>