„Neues Bewusstsein“
Denkschrift „Neues Bewusstsein“
Die Welt ist im Umbruch. Wendezeit, Zeitenwende, die Große Verwandlung.
Die uns vertraute westliche Zivilisation geht zugrunde, sie zerfällt in tausend Krisen. Doch das ist nur der natürliche Zyklus von Sterben und Werden. Es ist die Ankündigung des Neuen, und das Neue ist schon da. Es wächst seit geraumer Zeit und tritt mehr und mehr zutage.
Ein neues Bewusstsein erwacht.
Das Bewusstsein, dass der Mensch Verantwortung trägt für seine Umwelt, sich selbst, seine Mitmenschen und Nachkommen.
Das Bewusstsein, dass es keinen Gegensatz von Kultur und Natur gibt – und dass diese Annahme immer nur Schaden angerichtet hat.
Das Bewusstsein, dass alles miteinander verbunden ist in einem Netz von kosmischen Ausmaßen, und dass dieses Netz auch keine zeitliche Begrenzung kennt.
Das Bewusstsein, dass es keinerlei Barrieren gibt, nirgends, nicht zwischen Mensch und Gott und Schöpfung noch sonst wo – und was als Trennlinie empfunden wird, ist in Wahrheit die Berührstelle.
Das Bewusstsein, dass die Wahrheit nicht eine ist, sondern vielgestaltig – und dass Vielgestaltigkeit ein Segen ist.
Das Bewusstsein, dass die Ausbeutung von Mensch, Erde und Luft der Untergang sein wird – natürlich nur unser Untergang.
Das Bewusstsein, dass Geld und Macht matte Substitute sind für die Unsterblichkeit, die wir uns wünschen – und die es nicht gibt.
Das Bewusstsein, dass Angst unnötig ist, weil der Tod nicht existiert.
Das Bewusstsein, dass es so etwas wie ein Ego im Inneren des Kopfes nicht gibt.
Das Bewusstsein, dass der Körper, das menschliche Leben, die Materie heilig sind.
Dieses Bewusstsein ist aber zugleich auch das Bewusstsein, dass Fortschritt nur durch Heilung des eigenen Karma möglich ist.
Es ist das Bewusstsein, dass es Gewalt und Zerstörung gibt – und dass sie unabdingbar zum Kosmos gehören, so unabdingbar wie Wachsen und Gedeihen.
Das Ende der Spezies Mensch wäre für keine andere Spezies tragisch. Aussterben ist vollkommen natürlich. Trotzdem, juckt es euch nicht auch in den Fingern? Wäre es nicht reizvoll, wäre es nicht schön, wenn das Experiment „Mensch“ in die nächste Runde ginge? Nicht um seine Zähigkeit unter Beweis zu stellen, sondern weil es noch so viel Schönes zu entdecken, zu erfahren, zu erleben gibt, für uns selbst und unsere Nachkommen.
Wenn wir uns das wünschen, dann müssen wir aufwachen. Wenn wir froh und glücklich leben wollen, brauchen wir das neue Bewusstsein. Wir können auch wählen, unglücklich zu leben, natürlich können wir das, es gibt keinen Zwang zum Glück. Es steht uns frei. Die Wahl liegt bei uns. Doch so viel steht fest: Wenn wir glücklich leben wollen, dann müssen wir uns von innen verwandeln. Das können wir. Wir müssen aufstehen, bevor wir vollkommen gelähmt auf dem Boden liegen. Wir werden nicht mehr unbegrenzt Gelegenheit haben zur Verwandlung. Halb arglos und halb schuldbewusst werden wir dann die Achseln zucken, als hätten wir von allem nichts bemerkt. Aber damit werden wir uns nicht trösten können, weil wir wissen werden, was wir versäumt haben.
Unsere Trauer wird natürlich nicht ewig währen. Das Rad der Wiedergeburt wird uns neue Möglichkeiten schenken, in vielerlei Gestalt, wie das von Urzeit so ist. Doch die unschätzbare Gelegenheit, als Mensch zu leben, mit dem erwachenden Bewusstsein der Liebe, aus der das All besteht – weißt du, ob du die noch einmal bekommst?
(geschrieben am 10.11.08, zur Diskussion gestellt nach der zweiten Vorstellung von “Gottes geliebte Narren”)
Inken Hummel sagte
Lieber Markus Grimm! Für mich gipfelte der gestrige Abend in Ihrer Gedenkschrift, die ich fast in allen Punkten voll unterstreiche. Mit “ dass die Wahrheit nicht eine ist, sondern vielgestaltig“ meinen Sie sicher, dass jede Religion oder Weltanschauung nur eine Wahrheit verkündet- nur immer in anderm Gewand, oder?
„dass es so etwas wie ein Ego im Innern des Kopfes nicht gibt“, ist kühn ausgedrückt. Lebt nicht in uns allen ein Ego, das überwunden werden muß, um uns zur Freiheit zu führen?
und noch etwas: wie heile ich mein eigenes Karma? durch gelebte Liebe, oder?
und zum Schluß: Ich glaube gewiß, dass wir immer wieder die unschätzbare Gelegenheit bekommen, als Mensch zu leben mit dem erwachenden Bewußtsein der Liebe, aus der das All besteht.
Ganz herzliche Grüße Inken Hummel
markusgrimm sagte
Liebe Frau Hummel!
Was meine ich mit „dass die Wahrheit nicht eine ist, sondern vielgestaltig“? Mein Eindruck ist, dass die Vielgestaltigkeit in der Wahrheit so groß ist, dass von EINER Wahrheit im Grund gar keine Rede mehr sein kann. Die „Wahrheit“ hat für mich viel zu tun mit dem Tao, dem „Weg“. Der Weg ist auch EINER. Er tritt aber nie und nirgends als EINER in die Erscheinung, sondern immer bereits in den Gestalten der „10.000 Dinge“ (Lao Tse). Also mag man die Wahrheit EINE nennen, aber doch im Bewusstsein, dass das ebenso richtig ist wie falsch.
Das Ego lebt nicht, ich bin mir dessen ziemlich sicher. „Ego“ ist nur der Name, den das begriffliche Denken einem bestimmten biopsychologischen Mechanismus gibt, dessen evolutionärer Zweck es ist, das Überleben des recht komplexen, zugleich wenig spezifizierten Menschen zu gewährleisten. Dieser Mechanismus existiert freilich, er ist nicht eingebildet, man kann ihn spüren. Aber er führt kein Eigenleben, so wenig wie die Verdauung ein Eigenleben führt. Die kann man auch spüren. Diesem Mechanismus geben wir nun einen Namen – wie wir allem einen geben. Problem: Sobald das Kind einen Namen hat, haben wir den Eindruck, es sei ein von uns mehr oder weniger getrennter, einzelner Gegenstand. Das stimmt aber nicht. Da ist kein Gegenstand. Der Vorgang der Verdauung ist auf keine Weise isolierbar, er ist eine Tätigkeit des ganzen Organismus – und damit nicht genug: Die Nahrung ist von außen gekommen, die augenblickliche Verfassung des Körpers hängt von Biorhythmen und allerlei anderem ab, seine Konstitution ist ererbt usw. Außen und Innen, Vergangenheit und Zukunft, Geist und Materie – alles ist verwoben. Nichts führt ein Eigenleben. Und das Ego als eigene Größe zu betrachten, das ist (noch?) einer der größten Irrtümer des menschlichen Bewusstseins. Die Freiheit liegt also nicht in der Überwindung des Ego – das Ego soll nicht überwunden werden, es ist ja für viele Zwecke nützlich – es sei denn, man geht einen yogischen Weg der Überwindung alles Körperlichen, einschließlich der Verdauung. Die Freiheit liegt in der Erkenntnis der Substanzlosigkeit des Ego, und Erkenntnis meint hier keine rationale Einsicht. Das ist, was man bisweilen Erleuchtung nennt.
Wie heile ich mein Karma? Durch Anschauen, denn Bewusstsein heilt. Anschauen des Karma ist aber oft nur möglich in bestimmten Bewusstseinszuständen, wie man sie in Meditation oder schamanischer Jenseitsreise oder Trance erleben kann. Deswegen ist all das so unglaublich wichtig. Man muss Zugänge finden zum eigenen Unbewussten, zum kollektiven Unbewussten, zum Überbewussten. Es gibt diese Zugänge. Die Liebe folgt automatisch.
Ich glaube auch, dass menschliches Bewusstsein sich immer wieder menschliche Form sucht, besser: erschafft. Aber nicht nur. Ich weiß, dass auch anderes Bewusstsein an meiner Form beteiligt war, etwa das Bewusstsein von Tieren, Mineralien. Das hört sich seltsamer an, als es ist: denn mein Körper besteht ja aus Mineralien, mein Stammhirn ist eine tierische Struktur. Trance ermöglicht einen bewussten Zugang zu diesen Bewusstseins-Anteilen. Ich kann deshalb nie sicher sein über die Möglichkeiten, die sich aus der Kombination von Bewusstseins-Anteilen in einer künftigen Inkarnation ergeben. Wenn bestimmte tierische Anteile überwiegen – wie wird dann die körperliche Form dazu aussehen?
Überdies zielt die Aussage „Doch die unschätzbare Gelegenheit, als Mensch zu leben, mit dem erwachenden Bewusstsein der Liebe, aus der das All besteht – weißt du, ob du die noch einmal bekommst?“ – diese Aussage zielt auf die unbedingte Wertschätzung des Gegenwärtigen. Nach tibetischer Überzeugung – und ein wichtiger Teil der tibetischen Theologie beschäftigt sich mit dem Tod und den folgenden Inkarnationen (siehe den Bardo Thödol, das sog. Totenbuch) – ist die Wahrscheinlichkeit, als Mensch geboren zu werden, so groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass eine Schildkröte, die auf dem Grunde der Weltmeere lebt und alle Zehntausend Jahre an die Oberfläche auftaucht, mit dem Kopf durch einen Ring trifft, der irgendwo auf den Ozeanen der Welt herumtreibt. Wenn das kein Grund zur Wertschätzung ist!
Herzlich
Markus Grimm
Thorsten sagte
Lieber Markus,
nicht nur auf der Showbühne, sondern ab sofort auch ein Element der Blogosphäre (wie es so herrlich dämlich heißt): Willkommen hier, und gleich so viele Gedanken, an denen man sich erfreuen, reiben und prüfen kann. Ein guter Einstieg!
Dass die Welt „im Umbruch“ ist, erlebe ich auch so. Nun ja, wir könnten uns auch etwas zu wichtig nehmen, schließlich ist Veränderung ein wesentlicher Faktor alles Irdischen. Aber irgendwie sieht es gerade schon nach kollektiver Veränderung im großen Stil aus…
Bei ein paar Aussagen habe ich aber Zweifel. Fangen wir mal an:
„Das Bewusstsein, dass es keinerlei Barrieren gibt, nirgends, nicht zwischen Mensch und Gott und Schöpfung noch sonst wo…“
Dir wird klar sein, dass katholische Theologen und lustigerweise auch Evangelikale das Gegenteil behaupten: Es gibt einen Trenngraben, den die Bibel Sünde nennt. Gott ist Person, heilig und somit durch die Sünde vom Menschen getrennt. Diese Trennung konnte nur durch das Sühneopfer Christi beseitigt werden.
Soweit die „Theorie“. Als Christ erlebe ich, dass diese Theorie durchaus Relevanz besitzt, wenn ich z.B. eigene Schuld betrachte.
Du hältst das für falsch? Warum? Die Annahme der Wiedergeburt würde natürlich Einiges erklären, auch das Thema Wiedergeburt widerspricht sich aber mit den zentralen biblischen Aussagen. Kannst Du hier auf eigene Erfahrungen zurückgreifen?
Grüße
Thorsten
Markus sagte
Lieber Thorsten!
Sünde – hm. Ich frage eher dagegen: Woher die Annahme, dass es so etwas gebe?
Okay, was haben wir? Schuldgefühle, das ist unwidersprochen, die gibt es. Ich gehe jetzt nicht auf die durchaus wichtige Tatsache ein, dass Schuldgefühle unglaublich oft irrig sind, im Sinne von, sie rühren nicht aus dem tatsächlich Vorgefallenen, sondern aus dem Unbewussten, dem Über-Ich etc.
Dann gibt es auch das Phänomen der Verursachung – jedenfalls sieht es oft so aus, dass ich bestimmte Dinge verursache. Gut. Aber Sünde?
Sünde: theologisch, soziologisch, psychologisch – EINE mögliche Bestimmung:
Sünde ist der Versuch, das Schuldgefühl zu verobjektivieren, es aus mir heraus nach außen zu verlagern, damit ich, die Gesellschaft, die Glaubensgemeinschaft damit umgehen können und die Sache so bereinigt wird. Die verobjektivierte Sünde ist nun scheinbar – wie alles, was wir verobjektivieren – handhabbar. Da werden Regeln gemacht, Strafen festgesetzt, Bußen verhängt usw. Und tatsächlich gibt es auch eine Rückwirkung auf das eigene Schuldgefühl, das dann mitunter vorübergehend nachlässt. Auch die Gesellschaft ist dann befriedigt, die Glaubensgemeinschaft ebenso. Ich glaube aber nicht an tiefgehende, die Person oder Gesellschaft im Innern heilende Wirkungen irgendwelcher Sündentilgungsmechanismen. Ich finde das augenfällig. Vielmehr ist es so wie ganz oft beim Menschen: es handelt sich um eine Selbsttäuschung, psychologisch: Verdrängung; soziotheologisch: Tabuisierung. Allerdings, zugegeben, sophisticated.
Sünde, ANDERE Möglichkeit: Das Gefühl, getrennt zu sein, wird als sündhaft erfahren. Eine Gegenprojektion: Ich werde von meiner Mutter nicht genug geliebt, verliere den Kontakt zu ihr, empfinde das als eigene Schuld, verbunden mit Existenzangst und der unbedingten Not, die Schuld – die aber im oben skizzierten Sinn irrig ist – wieder zu beseitigen. Zum Beispiel.
Ich merke aber, was ich hier schreibe, droht auch sophisticated zu werden.
Interessieren würde mich tatsächlich, wie du auf den von dir skizzierten Zusammenhang kommst: „Es gibt einen Trenngraben, den die Bibel Sünde nennt. Gott ist Person, heilig und somit durch die Sünde vom Menschen getrennt. Diese Trennung konnte nur durch das Sühneopfer Christi beseitigt werden.“
Dazu hast du das Stichwort meines eigentlichen Interesses schon geliefert: die Frage nach den eigenen Erfahrungen. Das ist entscheidend, glaube ich. An diesen Punkt müssen wir kommen, wir alle. An den Punkt, wo die eigene Erfahrung die Antwort bietet. Das ist möglich. Es gibt eine Vielzahl von Methoden, von denen ich einige (irgendwo auf meinen Seiten, aber wo?) schon angedeutet habe: Meditation, Trancereisen in veränderten Bewusstseinszuständen – hinzu kommen etwa noch Rückführungen, psychoaktive Substanzen und allerlei andere bewusstseinsverändernde Methoden.
Liebe Grüße
Markus
wessnet sagte
…darauf antworte ich gerne noch ausführlich, aber vorerst eine wichtige Gegenfrage:
Du setzt, wenn ich es recht verstehe, in Deinen Ausführungen voraus, dass es die Wiedergeburt gibt.
Wenn Du eigene Erfahrungen favorisierst: Hast Du auf dem Gebiet EIGENE Erfahrungen gemacht, wie auch immer produziert? So Hape-Kerkeling-mäßig? Der ist ja auch ein Freund des Wiedergeburtgedankens.
Noch ein kurzer Anriß: Das Konzept Sünde hat immer die Beziehung Gott/Mensch im Fokus. Es geht darum, in Beziehung zu Gott zu kommen. Bei Wiedergeburt geht es um mich, darum, persönlich „besser“ zu werden, sich den besseren Status zu erfighten. Erlösung als Konzept der Sündenbereinigung setzt auf Gnade, auf Liebe statt Leistung.
Letztlich hat meine Vorliebe für einen der beiden Gedanken immer etwas mit meinem Gottesbild zu tun. Oder?
Markus sagte
Es kommt darauf an, was du unter Wiedergeburt verstehst.
Mein Standpunkt ist leicht misszuverstehen, deswegen rücke ich damit nicht so schnell raus. Sonst wird man noch mit Hape Kerkeling in einen Topf geschmissen
Dann schon lieber mit Wilhelm Busch oder Schopenhauer, auch Freunde des Wiedergeburtsgedankens, wie übrigens ca. 80 Prozent der Weltbevölkerung, nur synchron betrachtet, diachron bewegen wir uns wohl ungefähr bei 99 Prozent.
Wiedergeboren werde natürlich nicht ich. Das wäre ja Unsinn. Mit mir geht es beim Sterben zu Ende. Aber nicht unbedingt mit meiner Geschichte, namentlich dann nicht, wenn sie noch nicht fertig ist, nicht zur runden Gestalt geworden ist. Diese ungelösten, unerlösten Anteile bleiben gleichsam in der Schwebe – anderes Wort: im Purgatorium. Und suchen oder besser erschaffen sich neue Möglichkeiten, Gestalt zu werden. Ich glaube also nicht, dass ein Personkern von Körper zu Körper springt. Sondern dass Themen, Geschichten weitergehen. Dass Leiden weitergehen. Konkret etwa: Angst und Gewalt drängen zur neuen Gestalt. Und das ist nun – na? Genau, Karma.
Und: Ja, ich spreche aus eigener Erfahrung.
„Das Konzept Sünde hat immer die Beziehung Gott/Mensch im Fokus.“ Wiedergeburt auch! Es ist ein verbreitetes Stereotyp, dass es hier nicht um Gnade, sondern um Fight gehe. Das stimmt nicht. Alles ist Gnade – anderes Wort: Liebe.
Wiedergeboren – anderes Wort: re-Inkarniert wird immer nur der EINE. Gott ist es, der sich in den 10.000 Gestalten stets aufs Neue einfleischt. Womit ja auch die Frage nach dem Gottesbild beantwortet wäre!
wessnet sagte
Der Herr Kerkeling hat gar nicht zu Unrecht Erfolg mit seinem Jakobsweg-Roadmovie, wer so ehrlich sein Innenleben auspackt und Andere an seinen höchstpersönlichen Erfahrungen teilhaben lässt, bekommt Props von mir (pardon, ich blippe zu viel).
Da ich ein Bär von äußerst einfachem Verstand bin, versuche ich das von Dir skizzierte Bild in einfachen Worten wiederzugeben: In allem Lebendigen ist Gott. Wenn ich sterbe, bin ich futsch, Gottes Part in mir lebt weiter.
Richtig verstanden? Zumindest so grob? Dann stellt sich aber die Frage: Wer bin „ich“? Und warum sollte „ich“ etwas tun, wenn doch eigentlich Gott der gnädig Existierende (ich sage bewusst nicht „Handelnde“) ist? Und was ist das für eine Beziehung, die einen Part im Tod erlöschen lässt? Ist ja schön tragisch-romantisch, aber das irritiert mich doch etwas.
Irgendwie muss ich bei all dem an Goethe denken.
Markus sagte
Also, ich hab überhaupt nix gegen den Kerkeling, ich find den super.
Aber dass du ein Bär von äußerst einfachem Verstand bist, hm, das zu glauben, fällt mir schwer…
„Gottes Part“ ist nicht von „mir“ getrennt, so dass ich stürbe, ER aber lebte. Gottes Part ist in meiner Gestalt mein Ich. Und die Frage „Wer bin ich?“ ist damit beantwortet: Ich bin Gott (vgl. Eckart, Tauler, Silesius, um mal ein paar christliche Mystiker ins Feld zu führen). Und zwar bin ich Gott in exakt demselben Sinn wie Jesus Gott war und ist. Und Gott ist es auch, der handelt, das kannst du ruhig sagen. Er existiert nicht nur vor sich hin, seine Existenz ist reine Kreativität, er „tut“, „handelt“, „ereignet sich“ ohne Unterlass, in unbegrenztem Maß.
Das Problem mit den „einfachen Worten“ ist nicht ihre Einfachheit, sondern die begriffliche Reduktion, die sie mit sich bringen. Besser wären deshalb vielleicht Bilder, die können sehr einfach und zugleich sehr existenziell sein.
Zum Beispiel: Ein Tänzer, der ekstatisch tanzt, ohne Pause, ohne Unterlass, immer weiter, eine Tanzfigur folgt der nächsten. Das Verhältnis von Tänzer und Tanz, das ist für mich ein wunderbares Paradigma. Wer tanzt wen? Der Tänzer den Tanz oder umgekehrt?
Und das beantwortet deine Frage nach der Beziehung: „Was ist das für eine Beziehung, die einen Part im Tod erlöschen lässt?“. Es ist die Beziehung von Tänzer und Tanz. Wo ist da der Tod? Der Tanz endet nie, es wechseln sich nur die Tanzfiguren, der Tänzer ermüdet bisweilen, dann wird er wieder euphorisch, bestimmten Rhythmen folgend. Der Tanz kennt 10.000 Facetten. Er endet nie. Das kleine Ich ist eine der Tanzfiguren, die wieder vergeht. Der Tänzer vergeht nie, so wenig wie der Tanz.
Die Beziehung von Tänzer und Tanz ist keine personale Beziehung im zwischenmenschlichen Sinn. Sie sind eins, einer erschafft den anderen. Lies mal die Mystiker, du wirst dich wundern. Zum Beispiel Angelus Silesius, Der Cherubinische Wandersmann, gleich im ersten Buch:
“ (…)
Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd ich zu nicht, er muss von Not den Geist aufgeben.
Dass Gott so selig ist und lebet ohn’ Verlangen,
Hat er sowohl von mir, als ich von ihm empfangen.
Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein:
Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.
Gott ist in mir das Feu’r und ich in ihm der Schein:
Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein?
Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.“
Usw. Das ist das Gegenteil von tragisch.
wessnet sagte
Kann man das überhaupt begreifen, eine Beziehung, die nicht personal im zwischenmenschlichen Sinne ist?
Man kann sich als Mensch manches denken: Unendlichkeit, Zeitlosigkeit, die Nichtexistenz des Ich. Bei näherem Hinsehen dreht sich mir bei jedem der letztgenannten Themen der Kopf.
Ich bin mal so vermessen zu behaupten, dass sich kein Mensch die Unendlichkeit vorstellen kann. Wir sind, ob leider oder nicht sei mal dahingestellt, in unseren Wahrnehmungsmöglichkeiten gefangen. Man kann mit uns nur kommunizieren, wenn wir es verstehen.
Ein Freund hatte mal ein gutes Bild: Er hatte ein Kaninchen auf dem Beifahrersitz seines Autos, und das Kaninchen war extrem verängstigt. Er wollte es liebend gerne beruhigen, aber nur wie? Da kam ihm die Idee: Es würde vielleicht klappen, wenn er selbst ein Kaninchen würde und in Kaninchensprache zu dem „Angsthasen“ reden könnte: Keine Sorge, Bruder, der große Fahrer mag Dich, hat alles im Griff und fährt dich sicher heim zu Deinem Stall.
Die Frage ist, ob Gott für uns zum Kaninchen geworden ist. Ob es ihm um uns geht, um eine Person, ein Gegenüber, ein Geschöpf – oder ob ich die nur die Wahl habe, mitzutanzen. Tanz oder stirb! Oder: Tanz und stirb, damit der Tanz weiterlebt? Ich bin wieder beim Gottesbild: Das Tänzerbild würde mich schrecken. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Gott so nicht ist, wir alle in Performance – sondern der liebende, sich verzehrende Gott, wie man ihm in der Bibel begegnet.
Markus sagte
Vorstellen kann man sich die Unendlichkeit natürlich nicht. Aber erleben kann man sie. Und das hat man auch schon ahnungsweise, eben immer dann, wenn man nicht denkt, sondern z.B. ganz Wahrnehmung ist, wenn man die Welt um sich vergisst, sich selbst vergisst und in einen Anblick, ein Gefühl versinkt. Das sind Spuren von Ewigkeit hinter der Zeit.
Das Problem ist die viel zu prominente Stellung, die dem Denken eingeräumt wird. Du bist ja grade in der Relecture von Herrigels „Zen in der Kunst des Bogenschießens“. Und darum genau geht es, das Denken für Augenblicke hinter sich zu lassen und zu sein. Das sind dann keine euphorischen Verschmelzungsgefühle, es ist im Gegenteil ganz einfach und nüchtern und normal. Erst danach, wenn man wieder ins Denken kommt, überkommen einen manchmal ex posteriori Glücksgefühle. Aber das ist nichts Besonderes, wie schon gesagt, das hat jeder in der einen oder anderen Art schon erlebt.
Der Punkt ist nicht, dass Gott für uns zum Kaninchen geworden wäre, das ist diese merkwürdige christliche Soteriologie, die auf einem Gefühl des Verschuldetseins beruht. Tatsache ist vielmehr: Er war noch nie was anderes. Übrigens ist er auch jedes Schuldgefühl.
Und zu der Sache mit dem Tanz. Du hast da was missverstanden. Es gibt kein „Tanz oder stirb!“, weil es kein vom Tanz unabhängiges Gegenüber gibt, weil der Tänzer kein Gegenüber hat. Du bist nicht der Tanzpartner, du bist der Tänzer und der Tanz. Das ist übrigens Vätertheologie. Dasselbe kannst du durchbuchstabieren mit: Denken, Denkender, Gedachtes (Plotin): Gott ist der Vorgang des Denkens, in dem Denkender und Gedachtes und Denken einander untrennbar bedingen. Wie will man das auflösen? Und das ist die Trinität! Noch verständlicher vielleicht am Beispiel: Liebe, Liebender, Geliebter (Richard von St. Viktor). Verstehst du? Die Beziehung besteht unter einem bestimmten Blickwinkel zwischen Liebendem und Geliebtem. Aber auf einer tieferen Ebene gibt es keine Beziehung im zwischenmenschlichen Sinn, weil es nur Liebe gibt, in der sich – nein, nicht alles auflöst: in der jeder den anderen und sich selbst im anderen wechselseitig betrachtet.
Du kannst bis in alle Ewigkeit hoffen, dass Gott so oder so sei oder nicht sei, das ist vollkommen in Ordnung – dann bist du der hoffende Gott.
wessnet sagte
Das sind viele anregende Gedanken, die mich dazu bewegen, wirklich mal die Mystiker zu lesen.
Mit Silesius werde ich mal anfangen.
Mir sind kürzlich schon mal ähnliche Gedanken begegnet, und ich räume ein: Ich habe Verständnisnachholbedarf.
Oder Erfahrungsvakuum in dem Bereich?
Brennend interessieren würden mich daher besonders deine Erfahrungen. Aber das ist vielleicht mehr ein Thema für eine weitere Tasse Kaffee und nicht für das http://WWW...
Markus sagte
Sehr gern trinke ich übrigens auch mal ein Bier oder einen Wein, dann mehr so am Abend vielleicht…
Cornelia sagte
Ich erlaube mir kurz die Anmerkung:
wessnet sagte: „Kann man das überhaupt begreifen, eine Beziehung, die nicht personal im zwischenmenschlichen Sinne ist?“
Das ist ein sehr guter Punkt, finde ich! Irgendwann ging mir auf, dass aus genau diesem Grund Jesus, also „Gottmensch“, sogar logisch fast zwingend ist. Ich habe kein sehr persönliches Verhältnis zu Jesus, zumindest nicht so, wie ich mir vorstelle, dass es Evangelikale haben, „born again“ Christen (wie wessnet? Habe mich mal auf der verlinkten Seite umgesehen). Auch die Tatsache, dass Jesus zu einem bestimmten Punkt in der Geschichte die Weltbühne betrat und sie wieder verließ, als er gekreuzigt wurde, finde ich logisch. Denn auch das in-der-Zeit-ausgestreckt-Sein gehört zum Menschsein dazu. Wenn Gott die Menschen radikal liebt, wird er sich auch radikal auf die menschliche Ebene begeben, vergleichbar mit Eltern, die sich einfühlsam auf die Ebene des Kindes zu begeben, wenn sie versuchen, es zu verstehen und sich mit ihm verständigen (z.B. einfachere Wortwahl, für Kinder verständliche Bilderallegorien u.ä.).
Ich finde, eine übersprachliche Erfahrung der Unendlichkeit und sogar eine Erfahrung einer All-Einheit widerspricht sich nicht mit dem christlichen Glauben und dem Intellekt. Des Menschen Werkzeug ist nun mal der Intellekt, und auch mit diesem wird er immer versuchen, Gott zu verstehen. Aber es gibt eben auch die Dimension der Mystik. Man sollte die beiden aber nicht miteinander verwechseln. D.h. nur weil man sich mit dem Kosmos und dem Seinsurgrund tief in Einheit fühlen kann, heißt das nicht, dass es nicht auch eine Verschiedenheit gibt (z.B. die Verschiedenheit der Individuen oder die Verschiedenheit von Mensch und Natur oder von Gott und Mensch).
Markus sagte
Es ist, glaub ich, doch noch mal ein bisschen anders. Mystik und Intellekt begegnen einander nicht auf Augenhöhe. Sie haben andere Zielrichtung. Sie verhalten sich wie das Sein zum Seienden. Buddhistisch: Leere zu Form; aristotelisch: Hyle zu Morphe usw. Oder, mehr in einem Bild: Wie das Gold zu der goldenen Skulptur. Mystik sucht den goldenen Grund, der Intellekt erfindet darüber ein Metasystem der Begriffe.
Mein schieres Sein ist ja bereits eine über- oder unter- jedenfalls außersprachliche Tatsache, die der Sprache naturgemäß in keiner Weise widersprechen kann. Die Sprache geht daraus hervor. Aber sie kann das Sein nicht hereinholen.
„Des Menschen Werkzeug ist nun mal der Intellekt“ ist mir zu reduktionistisch. Es gibt glücklicherweise eine ganze Reihe anderer, sehr effektiver „Werkzeuge“, wie etwa Empathie, Selbstbewusstsein, Kreativität, Spontaneität usw. und unter anderem auch die Intuition, die ich für unglaublich wichtig halte. Sie ist grundlegender als der Intellekt. Der Intellekt ist eine Grammatik. Die Intuition ist Einfühlen und Mitgehen mit der Bewegung des Lebens.
Jetzt aber zu dem, dass Jesus „logisch fast zwingend war“. Das hab ich noch nicht verstanden, kannst du das noch mal erklären?
wessnet sagte
@Cornelia:
Zur Erläuterung: Ja, ich bin Christ. Konfessionelle Unterschiede finde ich wenig bedeutsam. Ob „Born again“(das ist ein etwas ungreifbares Schlagwort, welches sich an die Nikodemus-Geschichte bei Johannes anlehnt, wo es darum geht, neu geboren zu werden), Katholik, Evangelikaler, Mystiker, Freikirchler – letztlich egal, das sind Ausprägungsformen, menschliche Vorlieben, Tradition. Zu 90 % irrelevante Unterschiede.
Eine Frage bewegt mich aber wirklich: Ist Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben, wie er nach Johannes von sich selbst behauptet hat? Ist Jesus „personal“? Auferstanden? Somit jetzt existent? Was bedeutet es, „mit Jesus zu leben“? Oder noch härter: „Christus in mir?“
Ich frage mich: Was bleibt vom christlichen Glauben über, wenn Christus nicht personal, kein Gegenüber ist? Nach meinem Verständnis: Nichts.
Ich rede jetzt nicht davon, wie Gott IST, wie man ihn erfahren kann, was die „Wahrheit hinter den Dingen“ ist. Ich behaupte nur: Der christliche Glaube hätte keine Daseinsberechtigung, wenn es Jesus nicht gegeben hätte UND heute noch geben würde. Denn dann wäre das gesamte NT nicht nur falsch, sondern eines der beknacktesten Lügenmärchen, das man sich nur vorstellen könnte. Und Jesus ein Scharlatan. Prägnant zusammengefasst: Jesus war entweder ein Lügner, ein Psychopath oder Gottes Sohn.
An dem Punkt gibt es m.E. nur ein entweder/oder.
WIE man dann Gott begegnen, ihn erfahren kann: Das ist ein spannendes Terrain mit vielleicht unzähligen Antworten für verschiedenste Personen.
Wenn man sich für das Christentum interessiert, sollte daher die erste Frage sein: Stimmt das mit Jesus? Wenn man zu dem Ergebnis kommen würde, dass es ihn nicht gibt, würde ich dazu anraten. die ganze christliche Religion umgehend auf den Müllhaufen der Religionsgeschichte endzulagern.
Falls aber was dran ist (wovon ich überzeugt bin): Dann sollte man genau hinsehen, suchen und finden.
@Markus
Mystik und Intellekt, zwei Baustellen, das sehe ich auch so.
Nur: Glaubst Du, dass man mit Gott kommunizieren kann? Wenn ja, wie? Wie beurteilst du die Person Jesus vor dem Hintergrund seiner Aussagen über sich selbst?
Cornelia sagte
@ wessnet
selbstverständlich, ich stimme allem, was Du sagst vollkommen zu!
Natürlich ist Jesus der Kern des Christentum, und ich glaube an Jesus Christus, ganz im christlichen Sinn (Jesus war ganz Gott und Jesus war ganz Mensch zugleich). Ohne Jesus und dessen Auferstehung ist das Christentum hinfällig, klar. Ich meinte mit meinem Post nur, dass ich innerlich keinen ausdrücklichen, persönlichen Bezug zu Jesus habe. Praktisch heißt das z.B., dass ich meist zu Gott und nicht zu Jesus bete, wobei diese Aussage insofern redundant ist, da Jesus ja Gott ist. Es scheint mir nur, dass – zumindest aus der Ferne betrachtet – es Leute gibt, die irgendwie „voll auf Jesus abfahren“, die scheinen irgendwie in einem ganz persönlichen Verhältnis zu Jesus-Mensch zu stehen. Dieses Verhältnis habe ich nicht. Ich scheue eher davor zurück, mir Jesus als Mensch konkret vorzustellen, im Gebet z.B. oder wenn ich daran denke, was nach dem Tod kommt.
Cornelia sagte
@ Markus
Auch Deinen ersten beiden Absätzen stimme ich vollkommen zu, das wollte ich eigentlich sagen, aber Du drückst es viel besser aus
..„logisch fast zwingend“ ..
Damit meine ich:
Zunächst einmal scheint uns doch der Gedanke, Gott könnte Mensch geworden sein, völlig verrückt. Religionen, welche Gott als abstraktes Sein verstehen, als ‚Nichts’ und ‚Alles’ in einem oder ähnlich, eben im übersprachlichen Bereich lassen, scheinen zunächst einmal leichter begreiflich und annehmbar zu sein. Viele Menschen würden einem Satz zustimmen, der in etwa so lautet: „Es gibt etwas Höheres, aber wir wissen nichts genaueres darüber“. Die wenigsten Menschen sind nämlich echte Atheisten, die meisten eher Agnostiker.
Sobald man jedoch dem Gedanken zustimmt, es gäbe eine ‚höhere Realität’, etwas Größeres, was diese Welt übersteigt, was außerhalb ihrer ist oder was diese Welt umfasst und doch mehr ist, ist man, ohne es zu merken, schon bei einem jüdisch-christlichen Gottesbild angelangt.
Denn: wenn es etwas gibt, was größer, umfassender ist als die uns bekannte Realität, so muss dieses ‚etwas’ ja mindestens so groß und tief und begabt und reflektiert und liebend sein wie die uns bekannte Realität. Wäre das ‚höhere etwas’ im Wesen nicht mindestens so umfassend wie die uns bekannte Realität, dann wäre es kleiner, weniger als unserer Realität und also eben keine ‚höhere Realität’.
Daraus folgt, dass das ‚höhere etwas’ auch personal sein muss, was nicht ausschließt, dass es nicht auch überpersonale Züge haben kann, die wir nicht erfassen können, weil wir eben begrenzte menschliche Wesen sind. Wäre das höhere Wesen nicht auch personal, wäre es weniger als die uns bekannte Realität, und also kein ‚höheres etwas’.
Außerdem muss das höhere etwas auch liebend und hassend etc. sein, denn sonst wäre es ebenso weniger als die uns bekannte Realität.
Ein personales, höheres etwas nennen wir in der christlich-jüdischen Tradition aber „Gott“.
Aus der Tatsache, dass Gott personal und liebend ist, folgt aber logisch zwingend, dass Gott sich als Person auch ‚outet’, dass er uns auf Augenhöhe begegnen will. Die vollkommenste Form dafür ist natürlich die Menschwerdung, das Menschsein. Ich habe das oben verglichen mit liebevollen Eltern, die sich ihrem Kind verständlich machen wollen, indem sie versuchen, dem Kind auf seinem Niveau zu begegnen, wenn sie ihm etwas erklären wollen o.ä.
Das Judentum hat dies ja in Erwartung eines Messias auch schon antizipiert. Für mich ist die spannende Frage nicht so sehr, ob Gott Mensch werden kann, sondern die spannende Frage ist, ob speziell Jesus Gott war, also ob Jesus der Messias war oder nicht. Wir Christen glauben: ja, er war es, die Juden glauben das nicht und warten heute noch auf den Messias.
Ein wenig irritierend ist natürlich auch die Tatsache, dass Gott als Mensch irgendwann in der Geschichte und an einem bestimmten Ort auf der Welt erscheint – vor etwa 2000 Jahren – und vorher nicht da war und nachdem er gestorben war auch nicht mehr da ist. Das scheint ungerecht bzgl. der Menschen, die ihn nicht persönlich auf Erden kennenlernen konnten. Könnte er nicht immer da sein? Aber auch diese Unterworfenheit von Jesus als Messias unter die Dimensionen Zeit und Raum ist eigentlich ein Kennzeichen der vollkommenen Menschwerdung, des radikalen auf-einer-Augenhöhe-Seins. Gott kam nicht als Übermensch sondern als Mensch.
Natürlich ist das jetzt keine vollkommene Theologie und die Auferstehung, der eigentliche Kernpunkt des christlichen Glaubens ist hier nicht berücksichtigt, ist mir klar – das sollte auch nur ein logischer Gedankengang sein, nicht eine ganze Theologie.
An Gott habe ich schon immer geglaubt, aber zum spezifisch christlichen Glauben bin ich eher über dieses logische Denken gekommen – welches, das stimme ich Dir, Markus, völlig zu, nicht im Gegensatz zur Mystik steht.
Ich sehe es so: Die Ausbuchstabierung des Glaubens in Dogmen und Glaubensgrundsätze ist vergleichbar mit der Mathematik, welche die mathematischen Gesetze, die schon immer da sind, in Worte, Zahlen und Gleichungen ausdrückt und für den Menschen fassbar macht.
wessnet sagte
@ Cornelia
Weniger zu Jesus-Mensch als zu Jesus Christus, dem Auferstandenen. Das „Unglaubliche“ am Evangelium ist ja gerade das: Jesus ist auferstanden. Er ist jetzt da. Eine Erahrung, die auch gerade Mystikern nicht fremd ist, aber auch denen nicht, die „mit Jesus leben“, mit seiner Existenz in ihrem Leben rechnen. Das sieht natürlich erst einmal extrem freakig aus , dieses „voll auf Jesus abfahren“. Aber eigentlich ist das die Umsetzung der Botschaft des Evangeliums.
Ansonsten: Druckreife Ausführungen, die ich vollumfänglich teile.
Cornelia sagte
@ wessnet
aber was heißt dieses „er ist jetzt da“? Für mich ist Jesus eben nicht da – damit meine ich: ich kann ihn nicht auf eine Tasse Tee einladen und mit ihm mal alles besprechen (ich hätte da nämlich eine Menge Fragen … )
Weil er nicht körperlich auf Erden anwesend ist.
Nach meinem Verständnis ist er daher nicht weniger und nicht mehr da als Gott.
Ich habe den Verdacht, dass es sich mehr um eine Frage der Begrifflichkeit handelt. Wenn Jesus Mittler zu Gott ist und zugleich selbst Gott, ist es egal, ob ich zu Jesus oder zu Gott bete. Wenn ich zu Gott bete, bete ich eigentlich zu Jesus, denn er ist derjenige, der sich auf meine Verständnisebene begibt und mit mir kommuniziert, und er ist ja Gott. Wenn ich zu Jesus bete, bete ich zu Gott.
Deshalb meine Frage: Wie geht das „mit Jesus leben“? Was ist damit gemeint?
Cornelia sagte
nochmal @ wessnet
Die Bedeutung der Auferstehung sehe ich eher in der Tatsache der Überwindung des Todes, die Garantie des Lebens nach dem Tod, auch der Beweis für Gottes Gerechtigkeit, Größe und Gnade. Ich hatte auch die Idee, dass schon der Tod Jesus etwas Unglaubliches war, denn 1. der Mord an Gott selbst ist quasi ein „Blueprint“ des Bösen und Schlechten in unserer Welt, die Auferstehung dann der tröstliche Beweis der Überwindung dessen und 2. die Tatsache dass Gott die einfachen Menschen so sehr liebt dass er sich für sie ermorden lässt – totaler geht es nicht.
@ Markus und wessnet
Übrigens, kennt Ihr den: „es hätte auch anders kommen können“ … http://www.kreudenstein-online.de/Helauluja/jesus_am_galgen.htm
wessnet sagte
@Cornelia
Ganz ehrlich: Die Frage stelle ich mir auch gerade.
Ich hätte natürlich eine „schlaue“ Antwort darauf, in der die Stichworte Auferstehung, „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“, Heiliger Geist, Trinität und Gebet vorkommen würden.
Mal ganz banal gesagt: Ich bete zu Jesus (manchmal auch zum Vater), manchmal nur als Bitte, Lob oder Mitteilung, manchmal mit der Bitte um Antwort. Und Jesus spricht. Bislang zu mir noch nie akustisch vernehmbar, aber in der Stille, mit Eindrücken, manchmal Bildern, durch die Bibel, durch Menschen, intuitiv.
Klar, das ist ja auch „Gottes Reden“. Ich weiß auch nicht, ob es eigentlich egal ist, ob ich zu Gott-Vater oder Jesus bete.
Aber die Bibel setzt Jesus in den Mittelpunkt. Mit Worten wie „Alles was ihr den Vater bittet IN MEINEM NAMEN…“
Warum denke dann ich gerade nach? Schau Dir mal die Diskussion auf meinem Blog zu dem neuen Küstenmacher-Buch an. Mich bewegt gerade: Was ist Projektion, was ist real? Wie gehe ich in die Stille? Was ist dort zu finden?
Ein Austausch darüber ist immer fruchtbar. Wie erlebst Du denn, zu Gott zu beten? Ist das „fruchtbar“? Erfüllend? Antwortet Gott Dir?
Und Markus? Was meinst Du dazu? Habe gerade gesehen, dass Du auch Jäger-Schüler bist oder warst. Ich kenne Jäger nur aus Büchern und war mal zu Besuch in Holzkirchen. Was sagst Du zum Weg von Willigis Jäger?
Markus sagte
Ich war heute leider beschäftigt, deshalb konnte ich den letzten Beitrag von Cornelia (andere Email-Adresse) erst nach der Antwort von wessnet/Thorsten auf Cornelias vorletzten freigeben. Nur damit ihr nicht verwirrt seid.
Thorsten, was in der Stille zu finden sei, fragst du. Das lässt sich in Worten nicht beantworten, das widerspricht ja der Stille! Geh in die Stille, in die absolute, vollkommene Stille, und du wirst es wissen. Aber du musst absolut konsequent sein. Ich bin kein blinder Zen-Verfechter, denn ich kenne auch die Grenzen, den Irrtum und den Gestank des Zen – aber diese Konsequenz lehrt Zen. Du darfst Bilder, Eindrücke, Worte, die dir kommen, nicht festhalten, keins davon, auch Worte, die sich anhören oder anfühlen wie Worte Jesu. Sie alle könnten Projektion sein – das ist ja deine Frage – und in Wirklichkeit sind sie es auch. Du wirst es wissen, wenn du sie hinter dir lässt.
Dann: Du schreibst: „Das ‘Unglaubliche’ am Evangelium ist ja gerade das: Jesus auferstanden.“ Das ist für mich nicht unglaublich, es ist auch nichts spezifisch Christliches, dass der Gott-Mensch stirbt und aufersteht. In Wahrheit ist es umgekehrt: das Christentum folgt darin unzählig vielen Mythologemen, die Jahrzehntausende älter sind. Spontan fällt mir z.B. der Osiris-Mythos ein. Nichts an der Auferstehung noch am Tod des Gottes ist unique. Man muss diese Sachen lesen, dann beginnt man zu ahnen, was vor sich geht. Natürlich hat man erst mal Angst, seinen Jesus zu verlieren, wenn man gesagt bekommt, er sei gar nicht einzigartig gewesen usw. Und tatsächlich verliert man auch diesen projizierten, angsterzeugten oder angstgenährten Jesus. Aber dafür findet man einen anderen, einen freien, universalen, der sich einreiht in die unendliche Kette von Zeugen des Göttlichen zu allen Zeiten und an allen Orten.
Sicher, es ist hart, das zu erkennen, aber es ist so: Du selber bist der Gott-Mensch. So viel und wenig wie Jesus, den man auch den Christus nennt. Das ist keine Abwertung Jesu: es ist das, was er verkündet hat. Er hat uns als Kinder Gottes bezeichnet. In welchem Verhältnis stehen wohl die Kinder Gottes zum Sohn Gottes? Und jetzt komme mir keiner mit theologischen Spitzfindigkeiten! Man muss das einfach mal ernst nehmen, dann erübrigt sich alles Weitere!
Ich war ja auch selber mal katholisch, daher weiß ich, wie schwer das zu verdauen ist. Aber ich weiß auch, was ich heute weiß. Die Sache ist vollkommen einfach.
Noch was: „die Bibel setzt Jesus in den Mittelpunkt“. Nein. Die Bibel setzt ihn mehr oder weniger ans Ende. Die Bibel ist wesentlich mehr als das neue Testament. Bitte nicht vergessen! Und das sag ich nicht nur als Alttestamentler.
Cornelia, dass Jesus nicht einzigartig ist in der Geschichte des Kosmos, nimmt ihm natürlich auch seine Rolle als Garant des Lebens nach dem Tod oder als Beweis für Gottes Gnade. Dafür braucht es aber auch keinen ermordeten und auferstandenen Jesus, mein schieres Existieren, das schiere Existieren der Welt und des Lebens ist ein Beweis für die Gnade Gottes.
Dann: „die Tatsache dass Gott die einfachen Menschen so sehr liebt dass er sich für sie ermorden lässt – totaler geht es nicht“. Ja, das meint wohl auch Hans Urs von Balthasar. Und unter bestimmten Aspekten stimmt es. Aber im Tiefsten ist es falsch. Denn es gibt keinen Unterschied zwischen Gott und einfachen Menschen, der irgendwie von irgendwem überwunden werden müsste. Nein, es gibt ihn einfach nicht, da kann man sagen oder empfinden oder fürchten, was man will. Kein Unterschied. Nur im Auge des ängstlich Suchenden. Das hat leider auch Balthasar nicht klar genug gesehen. Damit lösen sich sämtliche Probleme in Schall und Rauch auf, die aus dem Missverständnis entstehen, zwischen Gott und mir bestehe irgendeine Trennung.
Schaut euch die Mystiker an, da findet ihr das wirklich Unglaubliche: dass ich Gott bin. Bin! Nicht in einem analogen oder metaphorischen, sondern in einem vollkommen wörtlichen Sinn.
Schwer zu glauben? Stimmt. Glauben kann man es kaum, man darf es gar nicht! Man muss es selber erleben!
wessnet sagte
@Markus:
Du schreibst:
„Du darfst Bilder, Eindrücke, Worte, die dir kommen, nicht festhalten, keins davon, auch Worte, die sich anhören oder anfühlen wie Worte Jesu. Sie alle könnten Projektion sein – das ist ja deine Frage – und in Wirklichkeit sind sie es auch.“
Woher weiß ich, was Projektion und was nicht Projektion ist? Kann Gott nicht „reden“? D.h., wer oder was gibt mir die Gewißheit, dass nicht die gegenstandslose Erfahrung der Stille die Projektion ist?
Nachdenklich hat mich der Ansatz der „bilderlosen“ Seele bei Meister Eckhart vor dem Hintergrund Deiner These von Gott im „tiefen Grund“ meiner Seele (kann man das so sagen?) gemacht. Das Ominöse lässt sich danach, da es bilderunbezogen ist, nicht beschreiben. Trotzdem ist es doch, und zwar bereits theoretisch, denkbar, dass Gott, wer immer und wo immer er ist, zu mir spricht. Mein Mitcitychurchler Alex hat zum Post auf meinem Blog die Ansicht eines Tübinger Profs zitiert, wonach Gott als Gegenüber mit uns kommuniziert, da er auch (ich verstehe das so: sogar) innerhalb der Trinität kommuniziert, daher (erst recht) mit uns.
Oder widerspricht sich das gänzlich mit deiner Erfahrung?
wessnet sagte
….ach ja, und noch einmal ein kleine Erinnerung an die Frage, wie du Jesus vor dem Hintergrund seiner Selbstaussagen beurteilst.
Markus sagte
Jesus ist der inkarnierte Gott. Aber jeder ist der inkarnierte Gott. Unterschied zu Jesus: Er weiß es und handelt entsprechend, mit dem entsprechenden Bewusstsein. Und erlösen kann uns das deshalb, weil es unser Bewusstsein in Bewegung gesetzt hat. Nachfolge heißt nicht primär: an ihn glauben, ihm nachtun. Nachfolge heißt: den Weg Jesu gehen, und das ist der Weg, den Gott in meiner Gestalt geht.
Thema Gewissheit: Wenn du es erfährst, weißt du es. Die Gewissheit ist selbstevident. Du brauchst keinen Beweis. Im Gegenteil: Alles andere ist plötzlich als Projektion erkennbar.
wessnet sagte
Das Bewusstsein bestimmt das Sein?
Zu deinem „Arbeitsthema“ Holocaust: Die Verantwortlichen des Holocaust – keine Götter mangels Bewusstsein? Keine „Schuld“, sondern mangelnde Erkenntnis? Der Holocaust wäre dann doch wohl so eine Art geschichtsevolutinärer Fehlvorgang. Dumm gelaufen eben. Kann man das so sehen?
Markus sagte
„Keine ‘Schuld’, sondern mangelnde Erkenntnis?“ So ungefähr. Aber das darf man begrifflich nicht festlegen. Tatsache ist nämlich, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, karmische Verstrickungen, die tatsächlich an mir haften und die gelöst werden müssen. „Keine Schuld“ klingt nach Freispruch – und das ist nicht möglich. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese „Schuld“ existiert und dass es einen Läuterungsprozess gibt, um davon befreit zu werden.
An evolutionäre Fehlgänge glaube ich nicht. Alles im Kosmos folgt – nein, nicht einem Plan: bestimmten Mustern.
wessnet sagte
So ganz langsam verstehe ich, glaube ich, ein wenig deine Ansätze. Koan, Satori (Yotins Post auf seinem Blog schon gesehen?), karmische Verstrickungen, Ablegen – ich nehme einmal an, dass du dich mit ZEN, Buddhismus und Kontemplation mehr als oberflächlich beschäftigt hast.
Aber ganz ehrlich: Mich interessiert dabei vor allem, was du praktisch erfahren hast wie es dir damit „geht“. Wie die Brücke (oder das Boot) der katholischen Theologie damit zusammenhängt oder gerade nicht. Das ist nun wirklich ein Thema für einen Abend mit Bier oder Wein, darauf komme ich gerne zurück, wenn du mal Zeit hast.
Nur noch eine Frage des Unerleuchteten: Warum gilt es denn, also mit welchem Ziel, karmische Verstrickungen zu lösen? Um Aufhebung von Trennung oder Sühne geht es ja offensichtlich deiner Ansicht nach nicht.
Über Silesius habe ich übrigens gefunden, dass er nicht gerade ein Lutherfreund war, wobei mich interessieren würde, ob Luther ihn im Lichte seiner mystischen Erlebnisse „aufgeregt“ hat.
Markus sagte
„Warum gilt es denn, also mit welchem Ziel, karmische Verstrickungen zu lösen? Um Aufhebung von Trennung oder Sühne geht es ja offensichtlich deiner Ansicht nach nicht.“
Ja, genau, du hast es richtig verstanden, darum geht es nicht. Es geht nicht um die Große Frage, die ist schon gelöst: Ich und der Vater sind eins. Aber damit bin ich und meine Umwelt noch nicht unbedingt gesund. Darum geht es bei der Lösung karmischer Verstrickungen: um Heilung in einem sehr grundlegenden Sinn.
Aber, damit wir uns richtig verstehen: Krank sein ist nicht Getrenntsein von Gott oder dergleichen. Krank sein ist ein ganz einfacher, vollkommen natürlicher Zustand, der bisweilen eintreten kann, der sich dann wieder bessern kann, der auch zum Tod führen kann usw.
Das mit dem Boot klären wir mal in gemütlicher Runde. Vielleicht so viel: Alles kann Boot sein, für mich war die Theologie auch ein Boot, Zen auch, Theater auch usw. Alles ist Boot. Bis du aussteigst.
Cornelia sagte
interessant, Deine mystischen Erfahrungen möchte ich auch gerne haben. Ich hatte zweimal in meinem Leben so etwas wie ganz leichte mystische Erfahrungen und in meinem täglichen Leben wuchs in den letzten Jahren immer mehr – trotz aller Widrigkeiten, die ich durchaus hatte! – ein Grundgefühl von blubberndem, kitzeligen, wohligem Glück. Erst trat es nur ab und zu auf, dann immer öfters. Das ist wohl auch ein bisschen mystisch. Ein bisschen. Aber eine tiefe Alleinheits-Erfahrung hatte ich noch nicht. Dass es die gibt, daran haben ich keine Zweifel.
Offtopic: dass mein Kommentar von oben freigeschalten werden musste lag glaube ich daran, dass ich einen Link (URL) im Text hatte, nicht, dass meine eMail anders war
WaspFaipiew sagte
I highly enjoyed reading this blogpost, keep up creating such exciting posts!!