Holotropes Atmen ist eine von Stan und Christina Grof entwickelte therapeutisch-sprituelle Methode. Durch eine spezielle Atemtechnik – schnelleres und tieferes Atmen – gelangt man in einen leichten bis tiefen Trancezustand, in dem das Alltagsbewusstsein mit all seinen Wertungen und Distanzierungen zurücktritt und etwas anderes an Tageslicht kommen kann, Unbewusstes oder Überbewusstes. Dieses andere, was Gestalt wird, ist immer schon verborgen da. Oft handelt es sich um traumatische Erlebnisse, die verdrängt wurden, und nun die Möglichkeit bekommen, zu heilen. Oft sind es Erlebnisse, die mit Erinnerungen, eigenen oder fremden, zu tun haben. Es kommt aber auch zu transpersonalen Erlebnissen, zu sprituellen Erfahrungen (s. Transpersonale Psychologie). Erfahren wird immer nur das, was aktuell nötig oder möglich ist, damit der Mensch heiler wird.
Das Holotrope Atmen unterscheidet sich von drogeninduzierten bewusstseinsverändernden Methoden dadurch, dass die Trance nie so tief ist, dass man aus dem Prozess nicht mehr aussteigen könnte. Man bewahrt immer ein doppeltes Bewusstsein.
Ein Atemprozess dauert durchschnittlich zwei bis vier Stunden. Der Atemprozess wird unterstützt und angeregt durch (laute) Musik, die die verschiedenen Phasen des Prozesses begleitet.
Das Atmen geschieht in einer vollkommen geschützten Atmosphäre. Jeder Atmende hat einen Begleiter (sitter) an seiner Seite, der ihn schützt, der ihm hilft, der ganz auf seine Bedürfnisse eingeht, der ihm ganz zugewandt ist. Erfahrene und ausgebildete Therapeuten überwachen den Prozess und greifen helfend ein. So entsteht ein Raum, in dem alles gedurft wird, weinen, lachen, schreien, schweigen, tanzen, ruhen, alles. Und alles ohne Einschränkung.
Das Holotrope Atmen ist für mich eine der Schlüsselerfahrungen auf meinem Weg. Die Entwicklungen, die Heilungen, die hier in Gang gekommen sind, wären durch eine Psychotherapie nicht zu erreichen gewesen, vermutlich nicht einmal nach Jahren.
Ein häufig auftauchendes Phänomen im holotropen Atemprozess ist das Wiedererleben der eigenen Geburt. Stan Grof hat gezeigt, dass sich an das Geburtstrauma gern andere, oft traumatische Erinnerungen gleichsam anlagern. Die Geburt mit ihren verschiedenen Phasen ist ein Muster und Bild für viele Übergangssituationen. Harmonische, symbiotische Einheit im Mutterleib – Beengung, ganz physisch, Todesangst während der Austreibungphase, in der das Alte endet und ein Neues noch nicht erkennbar ist – Erlösung und neues Leben nach der Geburt. Ich habe das auch erfahren. Das bewusste Nacherleben ist heilend. Ich habe gelernt, wie viel der Säugling wahrnimmt, wie viel Furcht, wie viel Qual. Das Erinnern ist der Beginn der Befreiung.
Ich wurde mit der Nabelschnur um den Hals geboren. Ich habe Todesängste ausgestanden, auch nach der Geburt noch, ich fühlte mich, als würde ich sterben. In einem anderen Atemprozess habe ich erlebt, wie ich als fünf- oder sechsjähriges Kind von zwei Männern ergriffen und erhängt wurde. Das Strangulationsgefühl macht plötzlich, auf kaum näher zu erklärende Weise, Sinn. Es ist ein altes Trauma, das sich fortsetzt und wiederholt, bis es ins Bewusstsein dringt. Dann kann es heilen. Dieses Beispiel lässt die Wirkungsweise des Holotropen Atmens vielleicht erahnen.
Es geht beim Holotropen Atmen um Heilung in einem sehr weiten Sinn. Der biographisch traumatsierte Mensch kann heil werden. Aber auch das Gefühl der Trennung von Gott, welchen Namen auch immer ich für ihn habe, ist im weiteren Sinn ein Trauma, und auch das kann heilen. Es ist sehr vieles möglich beim Holotropen Atmen.