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Archiv für die Kategorie ‘Meditation’

Verweilen im Urgrund

Geschrieben von Grimm - 12.02.2009

Auf Nachfrage von wessnet poste ich Folgendes:

Der Urgrund ist völlig klar, in ihm gibt es weder Zeit noch Bewegung. Wer dort verweilt, hat aufgehört, sich mit irgendetwas zu identifizieren. Er verweilt im Hintergrund der Schöpfung, an einer Quelle, die nicht sprudelt und dennoch alles hervorbringt, in jedem Augenblick, an jedem Ort. Aber der Urgrund selbst kennt weder Augenblick noch Ort. Der Urgrund ist ungeboren. Er ist reines Bewusstsein, das nicht angeschaut werden kann. Die christliche Mystik nennt diesen Urgrund “Gott”.

1. Wie gelangt man an diesen Ort, der keiner ist?
2. Und was für Auswirkungen hat es auf das praktische Leben, im Urgrund zu verweilen?

1. Wie aus der obigen Beschreibung hervorgeht, ist die Frage natürlich nicht präzis gestellt. Man kann nicht irgendwohin gelangen, wo kein Ort ist. Es gibt keinen Weg im eigentlichen Sinn. Die Wahrheit ist ein pfadloses Land, sagt Krishnamurti.
Dennoch gibt es bestimmte Hilfsmittel, die einen auf die Spur setzen können. Um aber gleich auch das zu sagen: Das Verlassen des Weges wird irgendwann unvermeidlich. Denn die Fähre kann einen nur ans andere Ufer bringen, um das Land zu betreten, muss man aussteigen.
Eines dieser Hilfsmittel ist die gegenstandslose Meditation, in meinem Fall das Za-Zen, das Sitzen in Stille. Was passiert da nun?
Das Sitzen in Stille hat zum Ziel, die Bewegungen des eigenen Geistes – nein, nicht abzustellen. Das ist der verbreitete Irrtum. Man kann sie zwar beruhigen, sogar abstellen, das gelingt mit Übung. Aber das ist nicht das letzte Ziel. Das letzte Ziel ist, die Identifikation mit diesen oder jenen Anteilen in mir, Denken, Fühlen, Erinnern usw., zu unterbinden. So dass am Ende nur noch die Beobachtung sämtlicher Vorgänge übrigbleibt. Wie geht das?
Zen hat eine jahrhundertelange Tradtion. Im Lauf dieser Zeit haben sich grob gesagt zwei verschiedene Ansätze herausgebildet. Das einfache Sitzen in Stille und die Arbeit mit Koans.
Das Sitzen in Stille: Man setzt sich hin, möglichst aufrecht, die äußere Haltung fördert die innere Sammlung. Und beginnt zum Beispiel seinen Atem zu beobachten, die Atemzüge zu zählen, immer von eins bis zehn, dann wieder von vorn. Die Aufmerksamkeit wird dadurch abgezogen von allerlei Regungen in meinem Inneren und an einen einzelnen Gegenstand gebunden. Das ist erstaunlich schwer, der Geist schweift ständig ab, aber mit Übung wird es leichter. Wenn man darin ein wenig bewandert ist, gelingt es immer leichter, in einen Zustand ruhiger Aufmerksamkeit zu kommen. Je öfter und länger man in reiner Aufmerksamkeit verweilt, desto mehr vertieft und verändert sie sich. Das Bewusstsein, nicht das Beobachtete zu sein, festigt sich, bis dann irgendwann der Punkt kommt, an dem auch die Identifikation mit dem Beobachter aufhört. Übrig bleibt das reine, subjektlose Beobachten. Im selben Augenblick wird mein wahres Wesen zweifelsfrei erkannt: ungeboren, unsterblich, unendlich, zeitlos, ortlos. Das ist eine sogenannte “Erleuchtung”.
Die Arbeit mit Koans: Koans sind kleine Rätsel, die mit dem Verstand nicht gelöst werden können. Die Aufgabe besteht aber trotzdem darin, sie zu lösen. Beispiel: “Was ist der Ton der einen Hand, die klatscht?” Der Geist kreist also immer wieder um das Rätsel, versucht es von allen Seiten zu knacken. Schließlich fängt er an, sich mit diesem Rätsel zu identifizieren, er wird zu dem Rätsel, es füllt ihn ganz aus. Aber noch immer ist keine Lösung in Sicht. Eine große Verzweiflung beginnt um sich zu greifen. Wenn die Verzweiflung am größten ist, passiert plötzlich etwas. Das Rätsel und der in ihm aufgegangene Geist verschwinden jählings. Und übrig bleibt weder Beobachter noch Beobachtetes. Im selben Moment wird das wahre Wesen erkannt, “Erleuchtung”. Dem Zen-Meister wird nachher die Lösung des Rätsels, die man gefunden hat, demonstriert; er muss sie bestätigen.
Was in einer sogenannten Erleuchtung oder Durchbruchserfahrung geschieht, ist ein Gipfelerlebnis. Es ragt aus dem Alltagsbewusstsein heraus oder in es hinein, je nach Standpunkt. Aber den alltäglichen Menschen ändert es noch nicht. Es besteht nach einer Erleuchtung sogar eine große Gefahr, die “Krankheit des Zen”. Der Geist, der eine Erleuchtungserfahrung gemacht hat, versucht sie zu integrieren und zu instrumentalisieren. Dabei geht der Charakter der Erfahrung verloren, aber der Geist sieht es nicht, weil er sich erinnert. Das ist sehr heikel, denn es besteht die Gefahr, auf dieser Stufe stehen zu bleiben. Wer hier nicht weitergeht und die Erinnerung an die Erleuchtung nicht loslässt, wird nicht selten zu einem fanatischen Menschen, der sich für auserwählt hält.
Der Weg muss weitergehen. Das stille Verweilen muss immer weiter geübt werden, dann fängt man an sich zu gewöhnen, man kennt seinen Geschmack. Und wenn man Glück hat, dann entsteht langsam oder auch schnell ein dauerhafter Modus der reinen Aufmerksamkeit.
Die Erleuchtungserfahrung ist aber solange nichts wert, bis sie von einem Zen-Meister auf Herz und Nieren geprüft wird. Man kann leicht andere Erfahrungen für Erleuchtungen halten, Glückseligkeitsgefühle, All-Einheitsgefühle, das Öffnen von Chakren – aber all das sind keine Erleuchtungserfahrungen. Die Erleuchtungserfahrung zeichnet sich im Gegenteil durch größtmögliche Nüchternheit aus, frei von Gefühlen. Einfach, still und weit.
Von welchen Zeiträumen sprechen wir? Bis zur ersten Erleuchtungserfahrung dauert es in der Regel mehrere Jahre. Manchmal geht es auch ganz schnell. Aber man sollte sich auf mindestens drei Jahre einstellen.

2. Wenn man immer im Urgrund verweilt, ist man jederzeit vollkommen frei von Illusion, von Gedanken, Gefühlen, von Ängsten, Sorgen. Man ist jenseits von Schicksal und Karma, man ist nicht verstrickt. Wie kann das sein? Gibt es all das nicht mehr? Doch, das gibt es alles noch, aber ich bin mit nichts mehr identifiziert. Ich bin das unverwickelte, absolute Gewahrsein. Meine Gefühle sind nicht mehr meine, sondern einfach Gefühle, meine Gedanken sind Gedanken, meine Ängste sind Ängste. Nichts verschwindet, es existiert einzig das klare Bewusstsein, dass nichts von allem, was wahrgenommen wird, ich bin. Ich bin nicht.
Die alltäglichen Erfahrungen verlieren ihre Spitzen, sie beunruhigen, schmerzen, irritieren immer weniger, bis das Leiden endlich ganz aufhört. Denn Leiden: das ist nicht der Schmerz selber, sondern die Identifikation damit.

Ich hoffe, diese Erläuterungen helfen ein wenig.

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more Traherne

Geschrieben von Grimm - 31.01.2009

The world is a mirror of Infinite Beauty, yet no man sees it. It is a Temple of Majesty, yet no man regards it. It is a region of Light and Peace, did not men disquiet it. It is the Paradise of God. It is more to man since he is fallen than it was before. It is the place of Angels and the Gate of Heaven.

Noch ein Text von Traherne, von mir nachgedichtet:

Ewigkeit war greifbar hier im Licht des Tags, und hinter jedem Ding erschien ein Grenzenloses: das sprach zu meinem Schauen und rührte mein Verlangen.
Die Stadt, so schien mir, lag im Garten Eden oder war erbaut im Himmel. Die Straßen waren mein, der Tempel war mein, die Menschen waren mein, ihre Kleider und Gold und Silber waren mein, und auch ihr strahlendes Auge, die helle Haut, das raue Antlitz. Die Himmel waren mein, genau wie Sonne, Mond und Sterne, und alle Welt war mein, und ich ihr einziger Betrachter und Genießer.
Ich kannte nicht mehr kleinliche Regel, nicht mehr Schranke noch Abteilung; denn jede Regel und Abteilung waren mein: jeder Schatz sowohl wie dessen Herr. So sehr war ich verdorben von zu viel Getöse und musste lernen all die trüben Ordnungen der Welt. Die entlern ich nun und werde wieder wie ein kleines Kind, dass ich hineingehe in Gottes Königreich.

(Eternity was manifest in the light of the day, and something infinite behind everything appeared: which talked with my expectation and moved my desire.
The city seemed to stand in Eden, or to be built in Heaven. The streets were mine, the temple was mine, the people were mine, their clothes and gold and silver was mine, as much their sparkling eyes, fair skins, and ruddy faces. The skies were mine, and so were the sun and moon and stars, and all the world was mine, and I the only spectator and enjoyer of it.
I knew no churlish proprieties, nor bounds nor divisions; but all proprieties and divisions were mine: all treasures and the possessors of them. So that with much ado I was corrupted; and made to learn the dirty devices of this world. Which I now unlearn, and become as it were a little child again, that I may enter into the Kingdom of God.)

Thomas Traherne (1636/37 – 1674)

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Dunkel

Geschrieben von Grimm - 27.01.2009

Du sitzt im dunklen Raum. Du sitzt am Rand des Nirgendwo.
Angst.
Du willst weg? Tu es, folge der Angst, und du bist ihr Sklave.
Lauf nicht weg. Halt aus, nur zwei Augenblicke länger. Mach die Augen weit auf, mach alle Sinne weit auf, denn dazu hast du sie. Damit das Dunkel in dich eindringt, endlich.
Siehst du das Dunkel? Oder siehst du noch deine Angst davor? Dann ist das Dunkel nicht in dir.
Lass es ein.
Fühl den Faden Sehnsucht. Riech die ferne Blume.
Siehst du, was im Dunkel kommt? Zu dir? Was um dich wirbt?
Im Dunkel?
Nein, es ist nicht mehr deine Hoffnung.
Gott ist es.

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Vollmond

Geschrieben von Grimm - 11.01.2009

Gestern war Vollmond. Da ist mir ein Gedicht von Rumi wieder in den Sinn gekommen, dem ich im Benediktushof in Holzkirchen öfters begegnet bin. Es berührt mich jedes Mal, wenn ich es lese, aufs Neue.

“Im Innern dieser neuen Liebe, stirb.
Dein Weg beginnt auf der anderen Seite.
Werde der Himmel.
Richte die Axt wider die Gefängniswand.
Entkomme.

Tritt ins Freie, wie jemand, der plötzlich in Farbe geboren wird.
Tu es jetzt. Du bist von dichten Wolken eingehüllt.
Stiehl Dich seitlich heraus. Stirb und sei still.

Stille ist das sicherste Zeichen, dass Du gestorben bist.
Dein altes Leben war eine fieberhafte Flucht vor der Stille.
Der sprachlose Vollmond kommt eben jetzt hervor.”

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Heiliges Leben

Geschrieben von Grimm - 11.12.2008

Zu einem weisen Mann, der in den Wäldern hauste, kam einmal ein Jüngling und sprach: „Meister, Ihr kennt die Geheimnisse von Geburt und Tod und von dem, was dazwischen ist. Sagt mir: Was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
Der Meister sagte: „Bring mir zunächst einen Zweig vom Baum des Lebens.“
Der Jüngling erschrak und erwiderte: „Meister, wie soll ich das? Ach nein, das vermag ich nicht.“
„So kannst du auch kein heiliges Leben führen“, sagte der weise Mann und widmete sich einer Zigarette.
Der Jüngling ging hinweg, betete, arbeitete, so wie er es immer getan hatte, und gab sich nun noch mehr Mühe als zuvor. Doch wie er ein heiliges Leben führen könne, das wusste er nicht.

Die Frage trieb ihn aber um und um, und eines Tages, einige Jahre später, als er bereits lange kein Jüngling mehr, sondern ein erwachsener Mann war, ging er wieder zu dem weisen Mann:
„Meister, was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
„Bring mir zunächst einen Zweig vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, beschied ihm der weise Mann.
Der einstige Jüngling hatte eine solche Entgegnung bereits befürchtet, erschrak deshalb nicht, wurde stattdessen bekümmert, und im Fortgehen sah er noch, wie der weise Mann seine Aufmerksamkeit einer Zigarette zuwandte.
Der Mann ging nach Hause und wurde erbittert. Er sprach bei sich: „Dieser weise Mann hält mich zum Besten. Ist er überhaupt ein weiser Mann? Warum gibt er keine rechten Antworten, sondern stellt mir unsinnige Aufgaben? Und seit wann rauchen weise Männer Zigaretten? Wenigstens doch Pfeife!“

Der Mann betete, arbeitete wie bisher, doch seine Erbitterung wuchs, und nach vielen Jahren, am Ende seines Lebens war er ganz erfüllt davon und beschloss, noch einmal vor den weisen Mann zu treten.
„Meister“, sprach er mit finster drohender Miene, „was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
Der Meister antwortete: „Bring mir zunächst einen Zweig von jenem Weidenbaum dort drüben.“
Der Mann war verblüfft und sein Gesicht hellte sich auf. Er lief, so schnell ihn seine alten Beine trugen, zu dem Weidenbaum, brach einen Zweig und eilte damit zu dem weisen Mann zurück.
Der weise Mann bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung und streckte den noch feuchten Zweig lange in ein Feuer, das neben ihm brannte. Schließlich war er trocken genug und entflammte. Der weise Mann nahm ihn aus dem Feuer und entzündete sich eine Zigarette.
Nachdem er sie still zuende geraucht hatte, hielt der Besucher es nicht mehr aus:
„Meister!“ rief er. „Sagt mir endlich: Was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
„Nun musst du nichts mehr tun“, sagte der weise Mann. „Du hast mir einen Zweig vom Baum des Lebens, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und von dem Weidenbaum geholt.“
„Ach, Meister“, entgegnete der Mann traurig, „habt Ihr’s vergessen? Vom Baum des Lebens und vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse vermochte ich Euch keinen Zweig zu bringen.“
Der weise Mann hielt den angebrannten Zweig in die Höhe und fragte:
„Und wofür hältst du dies?“
Da geschah im Herzen des Mannes etwas wie das Öffnen einer Faust. Er setzte sich, entzündete sich eine Zigarette, rauchte sie in vollkommener Ruhe zuende und fiel im nächsten Augenblick so belustigt wie tot zu Boden.

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Blaues Haiku

Geschrieben von Grimm - 4.12.2008

Blauer Abend.
Zwei Amseln, schwarz,
hinterlassen keine Spur.
Er ist groß und weich,
und lächelt freundlich.

Er hat mich überrumpelt
mit seiner Bläue.
Blaue Stunde, Schönheit.
Nirgendwo muss hingegangen werden.
Ruhe in Blau.
Amseln in Schwarz, singend,
wie schweigend.
Offenes Auge des Himmels.
Zeit in Blau,
festgeworden, groß, tief.
Blauer Atem, blauer Duft.
Und ich selbst in Blau,
schauend, schweigend.

Und satt und satter trinkt der Abend sich
an Bläue,
voll und voller.
Jetzt wird er müd,
die Hausfassaden gähnen,
sie haben sichs verdient.
Die Fensterläden werden schwer
wie Lider.
Birkenstämme, weiß,
mit blauem Schleier.
Hier bin ich zu Haus.

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