Zehn Zentimeter
Verfasst von Markus am 25.07.2009
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
In dem Vortrag des heutigen Abends werde ich Sie mit einer neuen wissenschafltichen Erkenntnis überraschen, die Ihr Leben von Grund auf verändern kann. Ich erspare mir deshalb lange Vorreden, um Ihre Neugier nicht auf die Folter zu spannen, und beginne, wenn Sie mir gestatten, mit einer kurzen Vorbemerkung.
Welche Art von Erkenntnis ist in der Lage, ein Leben von Grund auf zu verändern? Es kann sicher keine Erkenntnis von der Art sein, dass man neue Wege entdeckt, zu Ruhm, Ehre oder Geld zu gelangen. Auch nicht die Art von Erkenntnis, die einen befähigt, länger und mit einem gesünderen Körper zu leben. Denn solche Art von Erkenntnis ändert noch lange nichts an der Grundlage von alledem, nämlich an mir und meiner Wirklichkeit als menschliches Wesen. Grundstürzende Erkenntnis hingegen rührt an die urtümliche Wirklichkeit von allem und jedem.
Nach dieser Vorbemerkung, mit welcher ich mir bereits das Stichwort für das Folgende gegeben habe, nämlich „Wirklichkeit“, komme ich nun zum Eigentlichen des heutigen Abends.
In Wirklichkeit, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist alles um zehn Zentimenter größer. Nein, das ist ungenau, und ich möchte ungern meinen Vortrag mit einer Ungenauigkeit beginnen. Der genaue Betrag, auf zwei Stellen nach dem Komma gerundet, lautet: 10,91 Zentimeter. Also, auf ganze Zahlen gerundet, fast elf Zentimeter. Und doch können wir vielleicht, der Einfachheit halber, bei zehn Zentimetern bleiben.
Alles ist in Wirklichkeit um zehn Zentimeter größer. Schauen Sie sich um. Was immer sie erblicken, Stuhl, Tisch, die Bühne, ihr Glas, ich selbst – alles ist zehn Zentimeter größer, als Sie glauben. Ihre Hand, die Sie nun vielleicht benutzen wollen, um die wirkliche Größe Ihres Glases zu überprüfen, ist auch zehn Zentimeter größer. Sie werden also, und das ist das Perfide an der Wirklichkeit, zu keinem anderen Ergebnis kommen als zu dem, von dem Sie schon die ganze Zeit überzeugt sind. Aber lassen Sie sich dadurch nicht in die Irre führen, da ja auch Sie zehn Zentimeter größer sind. Glauben Sie mir: Alles ist zehn Zentimeter größer. Fast elf sogar.
Amerikanische Wissenschaftler haben im Rahmen von spektrometrischen Analysen der Hintergrundmatrix im Quantenraum hochfrequente energetische Verwerfungen entdeckt. Eigentlich handelte es ich um routinemäßige Analysen, und man erhoffte sich Hinweise auf die statistische Häufigkeit von Einstein-Rosenbergschen Teilchen. Man beobachtete zwar auch solche Teilchen, aber zugleich wurde deutlich, dass sie in Wirklichkeit um einen bestimmten Prozentsatz häufiger auftraten, als die Quantentheorie vorsieht. Man wiederholte den Versuch, bis er statistische Relevanz bekam, also weit über zehntausend Mal. Dann berechnete man den erwähnten Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit, und heraus kam der Koeffizient 0,3703457. Um diesen Koeffizienten überstieg die Häufigkeit die statistische Wahrscheinlichkeit.
Man wurde neugierig. Konnte es sein, dass dieser Koeffizient auch anderweitig auftauchte? Die Wissenschaftler untersuchten die Masse von Körpern und stellten fest, dass sie um denselben Koeffizienten größer war als angenommen. Gleiches gilt für die Dichte. Auch sie ist 0,3703457 mal höher als gemessen.
Die Größe eines Körpers nun, also seine Ausdehnung in die drei Richtungen des Raumes, unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten. Da es sich bei der Maßeinheit „Meter“ ohnehin um ein virtuelles Phänomen handelt, das nur in Abhängigkeit von der Existenz von Zollstöcken auftritt, unterliegt der Meter nicht demselben Koeffizienten. Hier wird eine Ableitung der von Kurt Gödel erarbeiteten Gleichung zur Berechnung der unendlichen Progression angewandt, wobei der erwähnte Koeffizient eingesetzt wird. So ergibt sich die Grundregel: Zu jedem gemessenen Längenbetrag sind in Wirklichkeit 10,91 Zentimeter zu addieren.
Was hat das nun für Folgen? Zunächst einmal, oberflächlich betrachtet: keine. Denn wenn alles zehn Zentimeter größer ist, dann ja auch der Zollstock, mit dem man seine Wohnung ausmisst. Damit entsteht also kein Schaden. Denn die Regalbretter, die man sich im Baumarkt zuschneiden lässt, passen aus eben dem Grund, dass die Zollstöcke im Baumarkt ebenfalls um zehn Zentimeter größer sind.
Aber wir sind ja nicht hier zusammengekommen, um oberflächliche Blicke auf die Welt zu werfen, nicht wahr. Sondern profunde. Was folgt aus der Erkenntnis, dass alles in Wirklichkeit zehn Zentimeter größer ist?
Die Welt ist nicht das, wofür wir sie halten! Wenn Sie das nächste Mal ihren Zollstock hervornehmen, um etwa die Länge Ihres Tisches auszumessen, dann werden Sie wissen, wie trügerisch alles ist, was Sie da tun. Und was könnte wohl besser und förderlicher für den Menschen sein als das Bewusstsein, wie illusionär das ist, was er wahrnimmt.
Machen wirs einmal praktisch. Ich, der ich hier vor Ihnen stehe, bin nach herkömmlichen Messungen 183 Zentimeter groß. In Wirklichkeit aber 193, fast 194 Zentimeter. Wenn ich das weiß, werde ich sogleich ein anderes Bewusstsein meiner selbst empfinden, ein anderes Körpergefühl. Und auch Sie, die Sie mich jetzt anschauen, wissen nun, dass ich um annähernd elf Zentimeter größer bin, als Sie vermuten würden. Meine Masse hingegen ist nur um verschwindende 0,37 mal größer als erkennbar, was also zu vernachlässigen ist.
Stellen Sie sich vor, Sie treten zu Hause im Badezimmer vor dem Spiegel auf Ihre Waage. Dort entdecken Sie ein Körpergewicht von – sagen wir – 80 Kilogramm, addieren in Ihrem Kopf minimale 0,37 Prozent dazu, also nicht einmal 300 Gramm, und können unbesorgt sein. Aber der Mensch, den Sie vor sich im Spiegel erblicken, ist zehn Zentimeter größer, als Sie glauben. Fast könnten Sie versucht sein, den Spiegel höher zu hängen, bis sie realisieren, dass er ja bereits zehn Zentimeter höher hängt.
Diese Erkenntnis aus der Atomphysik hat offensichtlich nur Vorteile für das praktische Leben. So dass, selbst im Falle, die Wissenschaftler würden sich irren, Sie und wir alle trotzdem an der Überzeugung festhalten sollten, größer zu sein, als unsere Sinne uns vorgaukeln.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
mailinjd sagte
Sehr gut geschrieben. Ich bin beeindruckt.
Da ist man fast geneigt, es zu glauben…
derwo sagte
Amüsant! Und doch profan. Wenn mir gestattet ist, das zu sagen.
Die Wirklichkeit ist nicht, was wir wahrnehmen.
Ist das neu?
Neu ist vielleicht, dass man diese Erkenntnis auch zu einem positiven Selbstgefühl verwenden kann.
Man verarscht sich sowieso die ganze Zeit selbst, warum nicht auch so?
Trotzdem bleibt bei mir die Frage zurück:
Und weiter?
waltkaye sagte
Lustich