Auf Nachfrage von wessnet poste ich Folgendes:
Der Urgrund ist völlig klar, in ihm gibt es weder Zeit noch Bewegung. Wer dort verweilt, hat aufgehört, sich mit irgendetwas zu identifizieren. Er verweilt im Hintergrund der Schöpfung, an einer Quelle, die nicht sprudelt und dennoch alles hervorbringt, in jedem Augenblick, an jedem Ort. Aber der Urgrund selbst kennt weder Augenblick noch Ort. Der Urgrund ist ungeboren. Er ist reines Bewusstsein, das nicht angeschaut werden kann. Die christliche Mystik nennt diesen Urgrund „Gott“.
1. Wie gelangt man an diesen Ort, der keiner ist?
2. Und was für Auswirkungen hat es auf das praktische Leben, im Urgrund zu verweilen?
1. Wie aus der obigen Beschreibung hervorgeht, ist die Frage natürlich nicht präzis gestellt. Man kann nicht irgendwohin gelangen, wo kein Ort ist. Es gibt keinen Weg im eigentlichen Sinn. Die Wahrheit ist ein pfadloses Land, sagt Krishnamurti.
Dennoch gibt es bestimmte Hilfsmittel, die einen auf die Spur setzen können. Um aber gleich auch das zu sagen: Das Verlassen des Weges wird irgendwann unvermeidlich. Denn die Fähre kann einen nur ans andere Ufer bringen, um das Land zu betreten, muss man aussteigen.
Eines dieser Hilfsmittel ist die gegenstandslose Meditation, in meinem Fall das Za-Zen, das Sitzen in Stille. Was passiert da nun?
Das Sitzen in Stille hat zum Ziel, die Bewegungen des eigenen Geistes – nein, nicht abzustellen. Das ist der verbreitete Irrtum. Man kann sie zwar beruhigen, sogar abstellen, das gelingt mit Übung. Aber das ist nicht das letzte Ziel. Das letzte Ziel ist, die Identifikation mit diesen oder jenen Anteilen in mir, Denken, Fühlen, Erinnern usw., zu unterbinden. So dass am Ende nur noch die Beobachtung sämtlicher Vorgänge übrigbleibt. Wie geht das?
Zen hat eine jahrhundertelange Tradtion. Im Lauf dieser Zeit haben sich grob gesagt zwei verschiedene Ansätze herausgebildet. Das einfache Sitzen in Stille und die Arbeit mit Koans.
Das Sitzen in Stille: Man setzt sich hin, möglichst aufrecht, die äußere Haltung fördert die innere Sammlung. Und beginnt zum Beispiel seinen Atem zu beobachten, die Atemzüge zu zählen, immer von eins bis zehn, dann wieder von vorn. Die Aufmerksamkeit wird dadurch abgezogen von allerlei Regungen in meinem Inneren und an einen einzelnen Gegenstand gebunden. Das ist erstaunlich schwer, der Geist schweift ständig ab, aber mit Übung wird es leichter. Wenn man darin ein wenig bewandert ist, gelingt es immer leichter, in einen Zustand ruhiger Aufmerksamkeit zu kommen. Je öfter und länger man in reiner Aufmerksamkeit verweilt, desto mehr vertieft und verändert sie sich. Das Bewusstsein, nicht das Beobachtete zu sein, festigt sich, bis dann irgendwann der Punkt kommt, an dem auch die Identifikation mit dem Beobachter aufhört. Übrig bleibt das reine, subjektlose Beobachten. Im selben Augenblick wird mein wahres Wesen zweifelsfrei erkannt: ungeboren, unsterblich, unendlich, zeitlos, ortlos. Das ist eine sogenannte „Erleuchtung“.
Die Arbeit mit Koans: Koans sind kleine Rätsel, die mit dem Verstand nicht gelöst werden können. Die Aufgabe besteht aber trotzdem darin, sie zu lösen. Beispiel: „Was ist der Ton der einen Hand, die klatscht?“ Der Geist kreist also immer wieder um das Rätsel, versucht es von allen Seiten zu knacken. Schließlich fängt er an, sich mit diesem Rätsel zu identifizieren, er wird zu dem Rätsel, es füllt ihn ganz aus. Aber noch immer ist keine Lösung in Sicht. Eine große Verzweiflung beginnt um sich zu greifen. Wenn die Verzweiflung am größten ist, passiert plötzlich etwas. Das Rätsel und der in ihm aufgegangene Geist verschwinden jählings. Und übrig bleibt weder Beobachter noch Beobachtetes. Im selben Moment wird das wahre Wesen erkannt, „Erleuchtung“. Dem Zen-Meister wird nachher die Lösung des Rätsels, die man gefunden hat, demonstriert; er muss sie bestätigen.
Was in einer sogenannten Erleuchtung oder Durchbruchserfahrung geschieht, ist ein Gipfelerlebnis. Es ragt aus dem Alltagsbewusstsein heraus oder in es hinein, je nach Standpunkt. Aber den alltäglichen Menschen ändert es noch nicht. Es besteht nach einer Erleuchtung sogar eine große Gefahr, die „Krankheit des Zen“. Der Geist, der eine Erleuchtungserfahrung gemacht hat, versucht sie zu integrieren und zu instrumentalisieren. Dabei geht der Charakter der Erfahrung verloren, aber der Geist sieht es nicht, weil er sich erinnert. Das ist sehr heikel, denn es besteht die Gefahr, auf dieser Stufe stehen zu bleiben. Wer hier nicht weitergeht und die Erinnerung an die Erleuchtung nicht loslässt, wird nicht selten zu einem fanatischen Menschen, der sich für auserwählt hält.
Der Weg muss weitergehen. Das stille Verweilen muss immer weiter geübt werden, dann fängt man an sich zu gewöhnen, man kennt seinen Geschmack. Und wenn man Glück hat, dann entsteht langsam oder auch schnell ein dauerhafter Modus der reinen Aufmerksamkeit.
Die Erleuchtungserfahrung ist aber solange nichts wert, bis sie von einem Zen-Meister auf Herz und Nieren geprüft wird. Man kann leicht andere Erfahrungen für Erleuchtungen halten, Glückseligkeitsgefühle, All-Einheitsgefühle, das Öffnen von Chakren – aber all das sind keine Erleuchtungserfahrungen. Die Erleuchtungserfahrung zeichnet sich im Gegenteil durch größtmögliche Nüchternheit aus, frei von Gefühlen. Einfach, still und weit.
Von welchen Zeiträumen sprechen wir? Bis zur ersten Erleuchtungserfahrung dauert es in der Regel mehrere Jahre. Manchmal geht es auch ganz schnell. Aber man sollte sich auf mindestens drei Jahre einstellen.
2. Wenn man immer im Urgrund verweilt, ist man jederzeit vollkommen frei von Illusion, von Gedanken, Gefühlen, von Ängsten, Sorgen. Man ist jenseits von Schicksal und Karma, man ist nicht verstrickt. Wie kann das sein? Gibt es all das nicht mehr? Doch, das gibt es alles noch, aber ich bin mit nichts mehr identifiziert. Ich bin das unverwickelte, absolute Gewahrsein. Meine Gefühle sind nicht mehr meine, sondern einfach Gefühle, meine Gedanken sind Gedanken, meine Ängste sind Ängste. Nichts verschwindet, es existiert einzig das klare Bewusstsein, dass nichts von allem, was wahrgenommen wird, ich bin. Ich bin nicht.
Die alltäglichen Erfahrungen verlieren ihre Spitzen, sie beunruhigen, schmerzen, irritieren immer weniger, bis das Leiden endlich ganz aufhört. Denn Leiden: das ist nicht der Schmerz selber, sondern die Identifikation damit.
Ich hoffe, diese Erläuterungen helfen ein wenig.