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Archiv für Februar 2009

Und die Moral von der Geschicht

Verfasst von Markus am 26.02.2009

… gibt es nicht. Nein, es gibt sie nicht.

Moral von lat. mos, moris „Sitte, Übereinkunft, Konvention“. Genau. Moral hängt ab von der Sozietät, die sie als für sich verbindlich festlegt. Was wir für unmoralisch halten, ist anderswo gar gefordert. Da muss man nicht so weit gehen, man denke an die Todesstrafe in den USA. Im Rahmen der Moral gibt es jede Menge Optionen, Todesstrafe oder nicht, Kannibalismus oder nicht, Inzest oder nicht – usw. usf. Es gibt wenig, was es nicht gibt.

Natürliche Grundlagen der Moral? Es gibt vermutlich ein paar tiefsitzende, im kollektiven Unbewussten der Menschheit verankerte Tabus – nicht sehr viele. Dazu gehört wohl zum Beispiel die Gewalt, der Mord, die Profanierung des Heiligen. Die Moral systematisiert den Umgang damit, beschränkt und legitimiert die Ausnahmen und regelt die Bestrafung.

Deshalb ist Moral immer ein kontextabhängiges soziokulturelles Konstrukt über kontextunabhängigen soziopsychologischen Gegebenheiten. Moral variiert extrem, diachron wie synchron, während die Grundgegebenheiten sich kaum ändern.

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Die Bestie

Verfasst von Markus am 19.02.2009

Alt ist die Bestie, älter als der Mensch, der sie in sich trägt. Aus Vorzeiten steigt sie mir in mein Blut herauf. Vor meinem Denken war sie, vor meinen Wörtern, vor meinen ängstlichen Ängsten.

Jenseits von Gut und Böse ist sie, weder Feind noch Versucher, die gehören zur Welt des Menschen, doch die Bestie nicht.

Meine Knochen sind nicht meine Knochen, sondern ihre, mein Fleisch ist ihres, und mein Denken spaziert arglos über sie hin wie auf dem Rücken eines Urweltgeschöpfes.

Und bisweilen springt sie auf und schüttelt alle Kartenhäuschen von sich, un-vermittelt, un-mittelbar, in-stinktiv, sofort hellwach, bereit zu Verteidigung, Angriff und Tod.

Sperr sie ein, und wie ein Raubtier im Käfig wird sie jeden Tag gefährlicher.

Die Bestie ist mein Wappentier, mein Streitpferd, mein natürlicheres Selbst, meine unbarmherzige Wucht. Sie ist das pure Handeln. Alle Kraft ist die Bestie. Gib ihr die Savanne und lass sie laufen.

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Verweilen im Urgrund

Verfasst von Markus am 12.02.2009

Auf Nachfrage von wessnet poste ich Folgendes:

Der Urgrund ist völlig klar, in ihm gibt es weder Zeit noch Bewegung. Wer dort verweilt, hat aufgehört, sich mit irgendetwas zu identifizieren. Er verweilt im Hintergrund der Schöpfung, an einer Quelle, die nicht sprudelt und dennoch alles hervorbringt, in jedem Augenblick, an jedem Ort. Aber der Urgrund selbst kennt weder Augenblick noch Ort. Der Urgrund ist ungeboren. Er ist reines Bewusstsein, das nicht angeschaut werden kann. Die christliche Mystik nennt diesen Urgrund „Gott“.

1. Wie gelangt man an diesen Ort, der keiner ist?
2. Und was für Auswirkungen hat es auf das praktische Leben, im Urgrund zu verweilen?

1. Wie aus der obigen Beschreibung hervorgeht, ist die Frage natürlich nicht präzis gestellt. Man kann nicht irgendwohin gelangen, wo kein Ort ist. Es gibt keinen Weg im eigentlichen Sinn. Die Wahrheit ist ein pfadloses Land, sagt Krishnamurti.
Dennoch gibt es bestimmte Hilfsmittel, die einen auf die Spur setzen können. Um aber gleich auch das zu sagen: Das Verlassen des Weges wird irgendwann unvermeidlich. Denn die Fähre kann einen nur ans andere Ufer bringen, um das Land zu betreten, muss man aussteigen.
Eines dieser Hilfsmittel ist die gegenstandslose Meditation, in meinem Fall das Za-Zen, das Sitzen in Stille. Was passiert da nun?
Das Sitzen in Stille hat zum Ziel, die Bewegungen des eigenen Geistes – nein, nicht abzustellen. Das ist der verbreitete Irrtum. Man kann sie zwar beruhigen, sogar abstellen, das gelingt mit Übung. Aber das ist nicht das letzte Ziel. Das letzte Ziel ist, die Identifikation mit diesen oder jenen Anteilen in mir, Denken, Fühlen, Erinnern usw., zu unterbinden. So dass am Ende nur noch die Beobachtung sämtlicher Vorgänge übrigbleibt. Wie geht das?
Zen hat eine jahrhundertelange Tradtion. Im Lauf dieser Zeit haben sich grob gesagt zwei verschiedene Ansätze herausgebildet. Das einfache Sitzen in Stille und die Arbeit mit Koans.
Das Sitzen in Stille: Man setzt sich hin, möglichst aufrecht, die äußere Haltung fördert die innere Sammlung. Und beginnt zum Beispiel seinen Atem zu beobachten, die Atemzüge zu zählen, immer von eins bis zehn, dann wieder von vorn. Die Aufmerksamkeit wird dadurch abgezogen von allerlei Regungen in meinem Inneren und an einen einzelnen Gegenstand gebunden. Das ist erstaunlich schwer, der Geist schweift ständig ab, aber mit Übung wird es leichter. Wenn man darin ein wenig bewandert ist, gelingt es immer leichter, in einen Zustand ruhiger Aufmerksamkeit zu kommen. Je öfter und länger man in reiner Aufmerksamkeit verweilt, desto mehr vertieft und verändert sie sich. Das Bewusstsein, nicht das Beobachtete zu sein, festigt sich, bis dann irgendwann der Punkt kommt, an dem auch die Identifikation mit dem Beobachter aufhört. Übrig bleibt das reine, subjektlose Beobachten. Im selben Augenblick wird mein wahres Wesen zweifelsfrei erkannt: ungeboren, unsterblich, unendlich, zeitlos, ortlos. Das ist eine sogenannte „Erleuchtung“.
Die Arbeit mit Koans: Koans sind kleine Rätsel, die mit dem Verstand nicht gelöst werden können. Die Aufgabe besteht aber trotzdem darin, sie zu lösen. Beispiel: „Was ist der Ton der einen Hand, die klatscht?“ Der Geist kreist also immer wieder um das Rätsel, versucht es von allen Seiten zu knacken. Schließlich fängt er an, sich mit diesem Rätsel zu identifizieren, er wird zu dem Rätsel, es füllt ihn ganz aus. Aber noch immer ist keine Lösung in Sicht. Eine große Verzweiflung beginnt um sich zu greifen. Wenn die Verzweiflung am größten ist, passiert plötzlich etwas. Das Rätsel und der in ihm aufgegangene Geist verschwinden jählings. Und übrig bleibt weder Beobachter noch Beobachtetes. Im selben Moment wird das wahre Wesen erkannt, „Erleuchtung“. Dem Zen-Meister wird nachher die Lösung des Rätsels, die man gefunden hat, demonstriert; er muss sie bestätigen.
Was in einer sogenannten Erleuchtung oder Durchbruchserfahrung geschieht, ist ein Gipfelerlebnis. Es ragt aus dem Alltagsbewusstsein heraus oder in es hinein, je nach Standpunkt. Aber den alltäglichen Menschen ändert es noch nicht. Es besteht nach einer Erleuchtung sogar eine große Gefahr, die „Krankheit des Zen“. Der Geist, der eine Erleuchtungserfahrung gemacht hat, versucht sie zu integrieren und zu instrumentalisieren. Dabei geht der Charakter der Erfahrung verloren, aber der Geist sieht es nicht, weil er sich erinnert. Das ist sehr heikel, denn es besteht die Gefahr, auf dieser Stufe stehen zu bleiben. Wer hier nicht weitergeht und die Erinnerung an die Erleuchtung nicht loslässt, wird nicht selten zu einem fanatischen Menschen, der sich für auserwählt hält.
Der Weg muss weitergehen. Das stille Verweilen muss immer weiter geübt werden, dann fängt man an sich zu gewöhnen, man kennt seinen Geschmack. Und wenn man Glück hat, dann entsteht langsam oder auch schnell ein dauerhafter Modus der reinen Aufmerksamkeit.
Die Erleuchtungserfahrung ist aber solange nichts wert, bis sie von einem Zen-Meister auf Herz und Nieren geprüft wird. Man kann leicht andere Erfahrungen für Erleuchtungen halten, Glückseligkeitsgefühle, All-Einheitsgefühle, das Öffnen von Chakren – aber all das sind keine Erleuchtungserfahrungen. Die Erleuchtungserfahrung zeichnet sich im Gegenteil durch größtmögliche Nüchternheit aus, frei von Gefühlen. Einfach, still und weit.
Von welchen Zeiträumen sprechen wir? Bis zur ersten Erleuchtungserfahrung dauert es in der Regel mehrere Jahre. Manchmal geht es auch ganz schnell. Aber man sollte sich auf mindestens drei Jahre einstellen.

2. Wenn man immer im Urgrund verweilt, ist man jederzeit vollkommen frei von Illusion, von Gedanken, Gefühlen, von Ängsten, Sorgen. Man ist jenseits von Schicksal und Karma, man ist nicht verstrickt. Wie kann das sein? Gibt es all das nicht mehr? Doch, das gibt es alles noch, aber ich bin mit nichts mehr identifiziert. Ich bin das unverwickelte, absolute Gewahrsein. Meine Gefühle sind nicht mehr meine, sondern einfach Gefühle, meine Gedanken sind Gedanken, meine Ängste sind Ängste. Nichts verschwindet, es existiert einzig das klare Bewusstsein, dass nichts von allem, was wahrgenommen wird, ich bin. Ich bin nicht.
Die alltäglichen Erfahrungen verlieren ihre Spitzen, sie beunruhigen, schmerzen, irritieren immer weniger, bis das Leiden endlich ganz aufhört. Denn Leiden: das ist nicht der Schmerz selber, sondern die Identifikation damit.

Ich hoffe, diese Erläuterungen helfen ein wenig.

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Derselbe

Verfasst von Markus am 11.02.2009

Selber Himmel, neuer Wind.
Selbe Ewigkeit, neuer Tag.
Selbe Sonne, mal Winter, mal Sommer.
Selber Mond, mal halb, mal ganz.
Selber Weg, nächster Schritt.
Selbes Leben, anderes Abenteuer.

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Hemd und Hose

Verfasst von Markus am 11.02.2009

Hemd zu kurz,
Hose zu lang,
mir selbst freundlich zulächelnd
versuche ich meinen Weg geradeaus zu gehen.

sagt Zen-Meister Ryokan, und so fühle ich mich gerade. Ist das nicht wunderbar?

Was ändert es, dass ich aus der Mode bin, dass andere sich über mich amüsieren, über mich den Kopf schütteln, mich Scheißkerl nennen und mich hassen. Was ändert es, was ändert es an mir?

Ich bin mir selbst mein bester Freund, und der beste Freund ist der eine Mensch in deinem Leben, der dir keine Vorwürfe macht. Bin ich nicht glücklich zu preisen, so einen Freund zu haben?

Geradeaus, hach, was für ein Riesenspaß – geradeaus?! Auf diesem Weg, den ich gehe, kann ich nur stolpern, kreuz und quer. Ach, was schert es mich, dann stolpere ich eben voran. Und falle auch mal auf die Fresse. Dann hilft mein bester Freund mir auf, und zusammen lachen wir wie zwei alberne Kinder, wir können das, wir zwei. Worüber sollte ich mich beschweren? Über meine eigenen Füße?

Mein Leben ist der reine Genuss. Ach, könnte es nur jeder so empfinden wie ich.

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Das Auge des Geistes

Verfasst von Markus am 8.02.2009

Wir beginnen damit: Das wahre Selbst ist immergegenwärtiges Gewahrsein – egal ob wir seine Existenz bezweifeln.

In dieser einfachen Wahrnehmung erkenne ich:
Ich bin meines Körpers gewahr, also bin ich nicht nur mein Körper.
Ich bin meines Verstandes gewahr, also bin ich nicht nur mein Verstand.
Ich bin meines Selbst gewahr, also bin ich nicht nur mein Selbst.
Vielmehr nehme ich beobachtend wahr: meinen Körper, meinen Verstand und mein Selbst.

Ich kann meine Gedanken sehen, also bin ich nicht diese Gedanken.
Ich bin meiner Körperempfindungen gewahr, also bin ich nicht diese Empfindungen.
Ich bin meiner Gefühle gewahr, also bin ich nicht diese Gefühle.
Irgendwie bin ich das Subjekt, das all das wahrnehmen kann.

Doch wer oder was nimmt wirklich alles wahr?
Die alten Traditionen sagen:
Das, was wahrnimmt, ist reiner Geist, ist Gott, ist Buddhanatur in ihrer Ganzheit,
nicht begrenzt in Zeit und Raum
und absolut leer.

Diese letzte, nichtbedingte Wirklichkeit ist nichts, was gesehen werden kann,
sondern das, was immergegenwärtig sieht.

Und darum ist dieses Gewahrsein nicht schwer zu erreichen,
sondern unmöglich zu vermeiden.
Doch das, was sieht, kann selbst nicht gesehen werden.
So hören wir also auf, uns mit diesem und jenem zu identifizieren und nach dem zu suchen, was außerhalb nicht zu finden ist.

So bekommen wir eine Ahnung von der unbegrenzten Freiheit, auch wenn diese Freiheit selbst wiederum nicht gesehen werden kann.

Wenn wir unbesorgt verweilen, können wir erkennen, dass dieses einfache immergegenwärtige Gewahrsein vollkommen mühelos ist.
Denn es macht keinerlei Mühe, Laute zu hören, Dinge zu sehen, die kühle Brise zu fühlen.

Hellwach ruhen wir einfach in diesem reinen, mühelosen Gewahrsein.
Und wieder erkennen wir, dass dieses zeitlose Gegenwärtigsein keineswegs schwer zu erreichen ist,
sondern unmöglich zu vermeiden.

So schließen wir mit der Erkenntnis: Das wahre Selbst ist dieses immergegenwärtige Gewahrsein – egal ob wir seine Existenz bezweifeln.

(nach Ken Wilber)

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Gewicht

Verfasst von Markus am 5.02.2009

Wirf dein ganzes Wesen in die Waagschale deines Daseins.
Nicht nur Stücke davon.
Wirf deine strahlende Gestalt hinein, deine gütigen Hände, dein Lächeln, deine Geduld, dein Vermögen, Schönheit zu sehen und zu erschaffen.
Aber lass deinen Schatten nicht draußen.
Wirf hinein auch deine Wut und Unbeherrschtheit, deinen Drang zu verletzen, deine animalischen Instinkte, deine Gefühle von Angst und Schuld.
Wirf dein ganzes Wesen in die Waagschale deines Daseins.
Damit es nicht zu leicht ist am Ende und du erkennst, dass es kein Leben war.

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Kämpfen

Verfasst von Markus am 4.02.2009

Es gibt drei Sorten Kampfkunst:

Die Kunst des Angriffs (Kungfu).
Die Kunst der Verteidigung (Jiu Jitsu).
Die Kunst des Ausweichens (Aikido).

Die letzte find ich am interessantesten. Was heißt das: Ausweichen? Es hat nichts zu tun mit Flucht. Es hat etwas zu tun mit: den Gegner ernstnehmen, es ihm gegenüber aushalten, aber ihm keinen Widerstand leisten, sondern ihn spiegeln. Ihn so an sich selbst zurückverweisen. Bis er, idealerweise, erschöpft und weinend, zur Besinnung kommt, zur Besinnung seiner selbst. Es ist eine feine Kunst, eine sehr aufmerksame, eine liebevolle, gespeist aus Menschenverständnis, gespeist aus der Kenntnis meiner eigenen Wut, gespeist aus der Erkenntnis meiner selbst.

Ich unterscheide mich in nichts von meinem Gegenüber. Wir sind ein und dasselbe. Tat tvam asi – das bist du.

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Benjamin Button

Verfasst von Markus am 1.02.2009

Ich gebe selten Filmempfehlungen, aber in diesem Fall muss ich eine Ausnahme machen: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Unbedingt anschauen!

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