Zu einem weisen Mann, der in den Wäldern hauste, kam einmal ein Jüngling und sprach: „Meister, Ihr kennt die Geheimnisse von Geburt und Tod und von dem, was dazwischen ist. Sagt mir: Was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
Der Meister sagte: „Bring mir zunächst einen Zweig vom Baum des Lebens.“
Der Jüngling erschrak und erwiderte: „Meister, wie soll ich das? Ach nein, das vermag ich nicht.“
„So kannst du auch kein heiliges Leben führen“, sagte der weise Mann und widmete sich einer Zigarette.
Der Jüngling ging hinweg, betete, arbeitete, so wie er es immer getan hatte, und gab sich nun noch mehr Mühe als zuvor. Doch wie er ein heiliges Leben führen könne, das wusste er nicht.
Die Frage trieb ihn aber um und um, und eines Tages, einige Jahre später, als er bereits lange kein Jüngling mehr, sondern ein erwachsener Mann war, ging er wieder zu dem weisen Mann:
„Meister, was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
„Bring mir zunächst einen Zweig vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, beschied ihm der weise Mann.
Der einstige Jüngling hatte eine solche Entgegnung bereits befürchtet, erschrak deshalb nicht, wurde stattdessen bekümmert, und im Fortgehen sah er noch, wie der weise Mann seine Aufmerksamkeit einer Zigarette zuwandte.
Der Mann ging nach Hause und wurde erbittert. Er sprach bei sich: „Dieser weise Mann hält mich zum Besten. Ist er überhaupt ein weiser Mann? Warum gibt er keine rechten Antworten, sondern stellt mir unsinnige Aufgaben? Und seit wann rauchen weise Männer Zigaretten? Wenigstens doch Pfeife!“
Der Mann betete, arbeitete wie bisher, doch seine Erbitterung wuchs, und nach vielen Jahren, am Ende seines Lebens war er ganz erfüllt davon und beschloss, noch einmal vor den weisen Mann zu treten.
„Meister“, sprach er mit finster drohender Miene, „was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
Der Meister antwortete: „Bring mir zunächst einen Zweig von jenem Weidenbaum dort drüben.“
Der Mann war verblüfft und sein Gesicht hellte sich auf. Er lief, so schnell ihn seine alten Beine trugen, zu dem Weidenbaum, brach einen Zweig und eilte damit zu dem weisen Mann zurück.
Der weise Mann bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung und streckte den noch feuchten Zweig lange in ein Feuer, das neben ihm brannte. Schließlich war er trocken genug und entflammte. Der weise Mann nahm ihn aus dem Feuer und entzündete sich eine Zigarette.
Nachdem er sie still zuende geraucht hatte, hielt der Besucher es nicht mehr aus:
„Meister!“ rief er. „Sagt mir endlich: Was muss ich tun, um ein heiliges Leben zu führen?“
„Nun musst du nichts mehr tun“, sagte der weise Mann. „Du hast mir einen Zweig vom Baum des Lebens, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und von dem Weidenbaum geholt.“
„Ach, Meister“, entgegnete der Mann traurig, „habt Ihr’s vergessen? Vom Baum des Lebens und vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse vermochte ich Euch keinen Zweig zu bringen.“
Der weise Mann hielt den angebrannten Zweig in die Höhe und fragte:
„Und wofür hältst du dies?“
Da geschah im Herzen des Mannes etwas wie das Öffnen einer Faust. Er setzte sich, entzündete sich eine Zigarette, rauchte sie in vollkommener Ruhe zuende und fiel im nächsten Augenblick so belustigt wie tot zu Boden.